KUSPI-Blog

Prince' Memoiren erscheinen im Oktober

Am 7. Juni wäre der Künstler 61 Jahre alt geworden
Prince Memoiren Heyne Verlag

Bis zu seinem Tod hat Prince fieberhaft an seiner Autobiografie gearbeitet. Sie war sein letztes großes Projekt. Er hatte dafür schon eng mit dem Autor Dan Piepenbring zusammen gearbeitet, der ihn auch auf seiner letzten Tour nach Australien begleitete. Prince‘ überraschender Tod beendete sein Herzensprojekt schlagartig. Erst nach und nach wurde bei der Sichtung des Nachlasses klar, wie weit fortgeschritten Prince in seinen Überlegungen und Plänen für seine Autobiografie schon war – bis hin zur Auswahl des Bildmaterials. Nun endlich, über drei Jahre nach seinem Tod, kann das Buch erscheinen, das den ursprünglichen Absichten von Prince – wenn auch unvollendet – so nahe wie möglich kommt.

„The Beautiful Ones“ beschreibt aus radikal persönlicher Sicht, wie aus Prince Rogers Nelson der Künstler Prince wurde: es ist die in Echtzeit erzählte Geschichte eines Jungen, der die Welt um sich herum aufsog und bereits eine Figur, eine künstlerische Vision und ein Leben erschuf, bevor die Hits und der Ruhm ihn definierten. Das Buch schildert die Kindheit, die frühen Jahre als Musiker und den Höhepunkt seiner internationalen Karriere anhand seiner eigenen Aufzeichnungen, eines Albums mit persönlichen Fotos und den handschriftlich verfassten Texten vieler seiner berühmtesten Songs, die er in Paisley Park aufbewahrte. Es zeichnet die Entwicklung des Künstlers anhand aufschlussreicher, bisher unveröffentlichter Bilder und Erinnerungen nach, inklusive des handschriftlichen Treatments für sein Meisterwerks Purple Rain. In einem berührenden, fesselnden Vorwort berichtet Dan Piepenbring von seiner kurzen, aber intensiven Zusammenarbeit mit Prince in seinen letzten Tagen, in denen sich der Musiker intensiv mit der Frage auseinandersetzte, wie er der Welt mehr über sich und sein Denken offenbaren und zugleich das geheimnisvoll-mystische Image bewahren könnte, das er immer so sorgfältig gepflegt hatte. Der jeweilige Kontext der Abbildungen wird durch Anmerkungen erläutert.

Verleger Tilo Eckardt: „‘The Beautiful Ones‘ ist wie ein unverhoffter Schatzfund und wird jeden Bewunderer von Prince glücklich machen – und wehmütig. Glücklich, weil Prince hier mit noch nie gehörter persönlicher Stimme spricht und der scheinbar Unnahbare seine Fans einlädt, an den Bildern seiner Erinnerungen und an seinem Leben teilzuhaben. Wehmütig, weil die Autobiografie, die Prince so wichtig war, durch seinen tragischen frühen Tod unvollendet bleiben musste. THE BEAUTIFUL ONES ist so Prince‘ einmaliges Zeugnis und Vermächtnis in Wort und Bild. Es wird bleiben wie seine Musik.“

Prince: The Beautiful Ones – Deutsche Ausgabe. Die unvollendete Autobiografie; Deutsche Erstausgabe, Originaltitel: The Beautiful Ones, ca. 304 Seiten € 32,00 [D] / € 32,90 [A] / CHF 43,90, ISBN 978-3-453-20488-1


Ulf Annel legt neue Minibücher vor

Ulf Annel Kleines Tucholsky-Buch
Zwei neue Bücher im Miniformat sind da, beide erschienen in der Westentaschen-Bibliothek des Rhino Verlages, der zur Verlagsgruppe grünes herz gehört.
 
Im 40. Jahr des Erfurter Kabaretts "Die Arche" - wo die viel gelobte Tucholsky-Revue "Guck mal, wie süß!" läuft - freut sich Autor Ulf Annel, dass er ein Kleines Tucholsky-Buch schreiben durfte. Kurt Tucholsky ist schon sehr viel mehr Jahre tot, als "Die Arche" lebt, und doch sind seine politischen Texte von einer erstaunlichen Aktualität. Und dazu kommen viele fröhlich-freche Chansons, Texte zu Männern und Frauen u.v.m. Davon nur ein winzig kleiner Auschnitt in meinem Buch. Die kürzestknappsten deutschen Blödelgedichte heißen Schüttelreime. Manchmal ist bei allem Geblödel auch etwas Geniales dabei. Nach "Geschüttelt, nicht gerührt" und "Kummerschluss mit Schlummerkuss" nun maritime Schüttelreime. Wieder eine kleine Verbeugung vor der "Lieblingserholungsregion" Ulf Annels. Küstenwind küsst Wüstenkind - Maritime Schüttelreime

Liebeslust und Liebesfrust – alles nur ein Spiel?

Diana Damrau und Jonas Kaufmann singen Hugo Wolfs „Italienisches Liederbuch“ / Von Dr. Eberhard Kneipel
Diana Damrau Jonas Kaufmann Italienisches Liederbuch

Ein Operngenie wäre er gern gewesen; der letzte große Liederkomponist des 19. Jahrhunderts ist er geworden – ein Großmeister der kleinen Form. Und wenn er die schönen Verse „Auch kleine Dinge können uns entzücken,/ auch kleine Dinge können teuer sein./ Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken;/ sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.“  an den Anfang seines „Italienischen Liederbuches“ stellt, so können sie sowohl als Motto dieser wunderbaren Miniaturensammlung als auch als Essenz eines ganzen Künstlerlebens gelten. Doch Hugo Wolf, 1860 in Windischgrätz geboren und 1903 bei Wien in geistiger Umnachtung gestorben, war so glücklich nicht, wie manche seiner Melodien klingen - sein Schaffen fand bei den Zeitgenossen selten jene Resonanz, die es verdient hätte. Das ist auch bei seinem letzten großen Meisterwerk nicht anders, dem „Italienischen Liderbuch“ (1891/92). Diese 46 Gesänge - Florentiner Volksdichtung von Paul Heyse poesievoll in deutsche Verse übertragen - sind jene kleinen Kostbarkeiten, die immer neu „entzücken“ – vor allem mit solchen Interpreten, wie sie das Label Erato im Live-Mitschnitt aus dem Alfred-Krupp-Saal der Philharmonie Essen präsentiert. Sie sorgen für schönsten Perlenglanz ...

Diana Damrau und Jonas Kaufmann sind die deutschen Superstars der internationalen Opernszene, und ihre Auftritte auf den großen Bühnen der Welt begeistern Millionen - ihre Kunst umfasst aber auch die intimen Momente des Liedes, Beide singen nun gemeinsam Hugo Wolfs romantischen Liderzyklus und finden an der Seite ihres großen Klavierpartners Helmut Deutsch ihre ganz individuelle Interpretation: Die fast vier Dutzend Momentaufnahmen von vielen Facetten der Liebe werden zum Zwei-Personen-Drama. Schwärmerei, zärtliche Annäherung, Verführung, Misstrauen, Eifersucht, Streit, Verzeihung, Beschimpfung, Kränkung und erneute Versöhnung: Schier unendlich sind die Spielarten der Liebe. Hinreißend ist es, wie der poetische Reichtum in den beiden Stimmen widerklingt. Ein klarer, anmutiger und inniger Sopran, dem Koketterie und Übermut, Zorn und Spott nicht fremd sind. Ein schwärmerischer Tenor, dessen wunderbar beseeltes Timbre eine ganze Welt an Gefühlen einfängt und in sich trägt. Und am amüsierten Gemurmel und Lachen des Publikums merkt man, dass der Pianist nicht nur perfekt bei seiner Sache ist, sondern auf eigene Weise auch zur Szenerie auf der Liederbühne beiträgt. Die Liebes-, Spott- und Streit-Dialoge gestalten Damrau und Kaufmann ideenreich als wirkungsvollen Handlungsablauf: Ihre Neugruppierung der Lieder schafft größere Bögen, macht einzelne, höchst intensive Momente zu ganzen Szenen und legt eine nie dagewesene Dramatik frei. Elegant und  voller Vitalität! Die drei Künstler machen den Witz, den Pointenreichtum, die Ironie und den expressiven Gehalt dieser Lieder von Hugo Wolf zu einem beglückenden Erlebnis: Die kleinen Dinge entzücken über alle Maßen! Und Hugo Wolf hat dann doch noch eine große Oper komponiert: „Der Corregidor“. Sie wurde 1896 erfolgreich in Mannheim uraufgeführt; die Wiener Hofoper hatte kein Interesse gezeigt ...

Hugo Wolf, Italienisches Liederbuch / Diana Damrau, Sopran; Jonas Kaufmann, Tenor; Helmut Deutsch, Klavier // Warner Classics/ Erato, CD 0190295658683; TT 76:34


Einblicke in alte Handschriften

Ausstellung zur „Mildenfurther Klosterbibliothek“ in Jena
Mildenfurther Klosterbibliothek Ausstellung FSU Jena

Als das 1193 bei Weida gegründete Prämonstratenserkloster Mildenfurth in den Wirren der Reformation unterging, fanden repräsentative Reste seiner einst bedeutenden Bibliothek über Wittenberg und Weimar schließlich nach Jena, in die heutige Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB). Dort blieben sie als historische Bestandsgruppe fast ein halbes Jahrtausend weitgehend unbeachtet. Mit der Tiefenerschließung der Jenaer Handschriftenbestände, deren erste Ergebnisse 2002 vorgelegt wurden, eröffneten sich indes für die Erforschung der Klosterbibliothek neue Perspektiven. Zudem widmeten sich im Rahmen eines Seminars bei Prof. Dr. Christoph Fasbender Studierende der TU Chemnitz dieser forschungsseitigen Leerstelle. Entstanden ist neben umfangreichen Hintergrundinformationen zu den Handschriften auch eine Ausstellung. Diese Exposition „Do wart och Mildenfort reformert – Neue Einblicke in die alte Mildenfurther Klosterbibliothek“ ist im Vortragssaal des Bibliothekshauptgebäudes der ThULB, Bibliotheksplatz 2, in Jena bis 13. Dezember 2019 (Mo. bis Fr., 9 bis 16 Uhr) zu besichtigen. Zur Bücherschau erscheint ein ca. 140-seitiger, farbig illustrierter Katalog. Die Ausstellung zeigt nicht nur erstmals sämtliche erhaltenen Mildenfurther Handschriften und Drucke des 10. bis 16. Jahrhunderts. Sie versucht zudem, das Wachsen und Werden der spätmittelalterlichen Bibliothek im Zeitalter der Kirchenreformen – und als deren Ergebnis – zu verstehen. Die Präsentation in Jena ist Teil des EU-Projektes „Kulturweg der Vögte“ (https://www.kulturweg-der-voegte.eu/de/) und wurde im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) der Europäischen Union gefördert.

Auf einen Blick: Ausstellung „Do wart och Mildenfort reformert – Neue Einblicke in die alte Mildenfurther Klosterbibliothek“ - zu sehen bis 13. Dezember 2019, Montag bis Freitag, 9.00 bis 16.00 Uhr, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Hauptgebäude, Zimelienraum, Bibliotheksplatz 2, 07743 Jena

Abbildung: Detail mit Drachendarstellung in einer Bibel aus dem 13.Jahrhundert, die in der neuen Ausstellung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena zur Mildenfurther Klosterbibliothek gezeigt wird. (Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)


Musik der Seele

Das Berlin Recital von Yuja Wang bei der Deutschen Grammophon / Von Dr. Eberhard Kneipel

Yuja Wang mag Russen. Die Weltklasse-Pianistin, die in Peking geboren wurde und im Alter von sieben Jahren ihren ersten Unterricht erhielt, die als Vierzehnjährige in das prestigeträchtige Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen wurde und der 2007, noch als Studentin, beim Boston Symphony Orchestra mit Tschaikowskis b-Moll-Konzert der internationale Durchbruch gelang, hatte Lehrer, die aus der legendären russischen Klaviertradition hervorgegangen sind und von Giganten des Klavierspiels wie Alfred Cortot und Vladimir Horowitz, Artur Schnabel und Isabelle Vengerova beeinflusst waren. Technische Bravour, emotionaler Tiefgang und reiche Fantasie sind das Erbe, das Yuja Wang von ihnen empfing und  das sie nun souverän verwaltet. Die russische Musik hat ihr eine innere Welt erschlossen, und die russische Musik – in China weit verbreitet und gut bekannt - war es auch , die ihr den Zugang zur westlichen Klassik öffnete. 

Russische Romantik und moderne Miniaturen aus dem späten 20. Jahrhundert füllen denn auch ihr Berlin Recital, das sie im noblen Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie live eingespielt und das die Deutsche Grammophon veröffentlicht hat. Live – das liebt sie besonders. Und die Werke – die liegen ihr am Herzen: „Die russischen Stücke bringen irgendwie alle Emotionen heraus, die Gefühle der Sehnsucht in uns. Wir fühlen uns durch und durch menschlich durch sie. Aber gleichzeitig erscheinen sie überlebensgroß. Sie handeln von etwas, das gewaltiger ist als wir, dabei bleiben sie zugleich unterhaltsam fürs Publikum. Die Komponisten sind sehr unterschiedlich, das wird deutlich, wenn man mein neues Album hört.“

Grandios der Beginn, überwältigend der Schluss! Sergej Rachmaninows berühmtes Prélude g-Moll – ein pianistisches Feuerwerk: kraftvoll, ungestüm, stolz. Eingebettet eine schöne, wunderbar aufblühende Melodie. Solche Kontraste zeigen auch die beiden Bilder-Etüden. Die eine unruhig wogend und turbulent; die andere verhalten und nachdenklich. Und das Prélude Opus 32/10 komplettiert den romantischen Stimmungszauber durch wehmutsvolle Töne. Gänzlich anders dann die Welt der 10. Sonate von Alexander Skrjabin. Mystisch. Rätselhaft. Dissonante Klangreize und chromatische Leuchtkraft. Virtuoses Glitzern und ein impressionistisch anmutendes Flirren, Ein Schwirren und Hüpfen der Töne, das den Beinamen „Insekten-Sonate“ einsichtig macht. Die Vielschichtigkeit und Vielfalt von Rhythmen, Klängen und unablässig fließenden Verläufen formen die drei ausgewählten Etüden des Ungarn György Ligeti – brillante Miniaturen, die für die Pianistin alles andere als spielerische „Kleinigkeiten“ sind. 

Und dann die 8. Klaviersonate B-Dur von Sergej Prokofjew, die letzte seiner „Kriegssonaten“, die Emil Gilels im Dezember 1944 uraufgeführt hat. Mit ihr reiht sich Yuja Wang in die Reihe ihrer Vorbilder Gilels und Swjatoslaw Richter ein. Und Richter hat diese großartige und erhabene Musik auch beschrieben: „Sie enthält ein ganzes Menschenleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten … einen Reichtum wie ein Baum, dessen Zweige die Last der Früchte zu tragen haben.“ Lyrische Themen und philosophische Reflexionen, eine elegante Tanz-Episode, die in Franz Schuberts Ländler-Welt entführt, Sarkasmen und Ironie und ein kraftvoll zielstrebiges Voranschreiten, das am Schluss an den  nachdenklichen Beginn erinnert, umfassen einen Kosmos des Geistes und der Seele. Und Yuja Wang bringt das alles  in ihrem Berliner Album zum Klingen – hinreißend und authentisch. Sie kennt die russische Seele ... 

Abbildung: Yuja Wang, The Berlin Recital: Rachmaninow, Skrjabin, Ligeti, Prokofjew //Deutsche Grammophon, 1 CD 483 6280


Ein außergewöhnliches Leben

In seiner Autobiografie enthüllt Musik-Ikone Elton John die Wahrheit über sein außergewöhnliches Leben: „Ich. Die Autobiografie“ ist die humorvolle, ehrliche und bewegende Geschichte einer lebenden Legende.
Elton John Autobiografie

Er ist Musikgenie, Paradiesvogel und einer der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten. »Your Song«, »Tiny Dancer« und »Candle in the Wind« sind nur einige von unzähligen Hits seiner beispiellosen Karriere. Erstmals erzählt der Ausnahmemusiker Elton John jetzt die Geschichte seines wechselhaften Lebens.

In Ich. Die Autobiografie schreibt der Künstler kraftvoll von seinen Anfängen als Musikstudent und seinem Coming-out, vom Höhepunkt seiner Karriere in den 70ern, von seinen Freundschaften zu John Lennon, Freddie Mercury, George Michael und Prinzessin Diana und vom Überwinden seiner jahrelangen Drogensucht. Er erzählt von seiner großen Liebe David Furnish und wie er Vater wurde. Mit ehrlichem, warmem Ton schreibt Sir Elton John über seine Beziehungen, seine Leidenschaften und seine Fehler und blickt schonungslos offen zurück auf ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte.

Verleger Tilo Eckardt: „Ich biete eine Wette an: Sprechen Sie den erstbesten Menschen auf der Straße auf Elton John an, und sie oder er wird lächeln. Die Themen seines unerhörten musikalischen Könnens waren immer die Liebe, die Freundschaft, das Leben – in den lichtesten und schwersten Momenten. Deshalb gewinne ich meine Wette: Weil Elton John in unserem kollektiven Gedächtnis mit seinen unzähligen Melodien und Liedzeilen gute Gefühle auslöst. Ohne ihn und seine Kunst wäre unser Leben grauer und untröstlicher. Seine Autobiografie feiert das bunte Leben. Oder kurz: lest! Er schreibt unser Lied.“


Ein Panorama der Wiener Moderne und der Weimarer Republik

Lange erwartet: Christopher Hailey, Franz Schreker (1878-1934). Eine kulturhistorische Biographie
Christopher Hailey, Franz Schreker (1878-1934). Eine kulturhistorische Biographie

Von Dr. Eberhard Kneipel  Auch wenn der leichtflüssige und anschauliche Stil die Vermutung nahelegt: Ein solches komplexes und facettenreiches Buch, das ein Lebensbild zeichnet und ein Zeitalter besichtigt, das das Werk erläutert und dessen Wirkungsgeschichte verfolgt, - ein solches Buch schreibt sich nicht von selbst. Es ist eine Lebensleistung!

1970 hatte der prominente Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt festgestellt: „Von allen schöpferischen Potenzen der Zeit vor 1933 weiß ich nur eine einzige, der man bisher die Chance einer Renaissance verwehrt hat: Franz Schreker.“ Damals waren das „Phänomen Schreker“ und der „Fall Schreker“ längst zur „erledigten Sache“ geworden! Das Phänomen: Sein sagenhafter Aufstieg in der Wiener und in der Berliner Moderne; die Erfolge der Opern „Der ferne Klang“, „Das Spielwerk und die Prinzessin“, „Die Gezeichneten“ und „Der Schatzgräber“ zwischen 1912 und 1922,die ihn zum meistgespielten deutschen Komponisten machten; er galt als der einzige „wahre“ Wagner-Nachfolger …. Der Fall: Kulturwandel und Krisenjahre, Generationskonflikt und antisemitische Anfeindungen; Aufführungs-Störungen in Berlin („Der Schmied von Gent“) und Premieren-Boykott in Freiburg („Christopherus“); Entlassung aus der Preußischen Akademie der Künste und Verbot seiner Werke als „entartete Kunst“ ... Die erledigte Sache: Nach 1945 Verdrängen und Vergessen. Keiner der großen Dirigenten, die sich mit Schreker hervorgetan hatten, setzte sich für ihn ein. Kein Theater, das mit seinen Opern Triumphe gefeiert hatte, stand ihm offen. Nur einige wenige Aufführungen – konzertant und im Rundfunk … Als dann Weckrufe Wirkung zeigten, als zuerst in Hamburg, Kassel und Frankfurt wieder Opern auftauchten, als die Musikforschung Schreker entdeckte und Dirigenten wie Michael Gielen und Peter Ruzicka die Modernität seiner Klänge und die „einzigartige Emphase und Kraft der Musik“ zu schätzen wussten, faste Schreker erneut Fuß, erfolgten Wende und Wiedergutmachung: Seit Mitte der 1970er eroberten seine Werke In Deutschland und Europa die Spielpläne; DDR-Erstaufführungen gab es an der Staatsoper Berlin („Der Schmied von Gent“, 1981) und an den Bühnen der Stadt Gera („Der ferne Klang“, 1985; „Der Schatzgräber“, 1989; Orchesterwerke ab 1983); Plattenaufnahmen erschienen, und die Literatur zu Schreker und seinem Schaffen schwoll an. Und 1974 war Christopher Hailey auf den Komponisten gestoßen ...

Die englische Erstausgabe seines vielbeachteten Standardwerks liegt 25 Jahre zurück, und zuvor hatte er zwanzig Jahre intensiver Quellenforschung in den Musikzentren Europas und in den USA betrieben: Archive, Manuskripte, Briefe, Noten, Programmhefte, Literatur. Die deutsche Übersetzung (exzellent Caroline Schneider-Kliemt und Volkmar Putz) war lange erwartet worden – doch Hailey hat seine Arbeit fortgeführt, aktualisiert und erweitert: Ein umfangreiches Nachwort zur Schreker–Rezeption seit 1945; ein detailliertes Werk- und Literaturverzeichnis; ein Überblick über das Wirken als Kompositionslehrer, Interpret und Filmproduzent; die Statistik aller Inszenierungen bis heute ... Diese Neuauflage hat Hailey der Tochter des Komponisten, Haidy- Schreker-Bures, und ihrem Ehemann, Professor Eugenio Bures, gewidmet. Als liebenswürdige Gäste der Geraer Aufführungen sind sie ebenso in Erinnerung geblieben wie der Autor, der die Wiederentdeckungen auch in New York publik gemacht hat ... Doch ohne solches Engagement und akribisches Arbeiten, ohne Begeisterung und eigenes Erleben (Hailey hat alle Aufführungen seit 1978 gesehen und mit unzähligen Theaterleuten gesprochen und ihnen Anerkennung gezollt) hätte das Buch nie entstehen können. Hailey würdigt die Werke, die Inszenierungen und die Neuentdeckungen als immer wieder aufleuchtende Glanzlichter. Er stellt jene Dimensionen und Perspektiven heraus, die Schrekers Relevanz für das Wien des Fin de siècle und das Berlin der Weimarer Republik - die beiden bedeutendsten Schmelztiegel der Musik des 20. Jahrhunderts – ausmachen. Und er schärft den Blick für Schönberg und seinen Kreis und nimmt die Affinität von Alban Bergs Opern „Wozzeck“ und „Lulu“ zu Schrekers Komponieren besonders in den Fokus. Für Franz Schreker war „der so ganz neue ferne Klang“ Sehnsuchtssymbol und Kunstprogramm. „Klang und Eros“ war das Etikett, das seine Zeit ihm anheftete (Paul Bekker, 1922). Und für Adorno war Klang jener „radikale Zug, der die Zurechnung Schrekers zur Avantgarde rechtfertigt.“ Das wollten dessen Feinde nie wahrhaben ... Christopher Haileys Darstellung, der Interviews und Zitate, Notenbeispiele und Bilder ein faszinierendes Flair verleihen, sieht den besonderen Wert von Schrekers Schaffen im sensiblen Reagieren auf seine Umwelt. Das hat ihm - von „Flammen“ bis zum „Schmied von Gent“, von der „Ekkehard“-Ouvertüre bis zum „Memnon“- Vorspiel - Höhenflüge beschert, Niederlagen eingebracht, und das lässt auch heute alle Möglichkeiten zu: Schreker hat sich nicht erledigt! Und Hailey schreibt weiter ...

Christopher Hailey, Franz Schreker (1878-1934). Eine kulturhistorische Biographie, Böhlau, Wien 2018, 550 Seiten


Prächtige Farben, virtuoses Spiel, eindrucksvolle Auftritte

Neues von Reznicek und Graener beim Label cpo - und die Weimarer Staatskapelle ist auch dabei / Von Dr. Eberhard Kneipel

Dass dem Entdecker-Label cpo immer wieder Überraschungen gelingen, wissen wir längst. Dass die Überraschung aber so groß sein würde, wie bei Emil Nikolaus von Reznicek, das hat zusätzlich überrascht. Denn als Markenzeichen dieses österreichisch-deutschen Komponisten gilt die Ouvertüre zu seiner Oper „Donna Diana“ - ein elegantes, spritziges Stück, das die Programme von Wunschkonzerten und Volkstümlichen Konzerten dominiert hat, als es die noch in Hülle und Fülle gab. Ein Ohrwurm sozusagen - und eine glänzende Visitenkarte obendrein. Doch schon die Oper ist kaum bekannt, obwohl der Komponist viel Zeit und drei Fassungen auf sie verwendet hat. Und dass er auch gewichtige Orchester-und Bühnenwerke und außergewöhnliche Kreationen („Eine Tanz-Symphonie“) mit witzigen Sujets („Goldpirol“, „Wie Eulenspiegel lebte“) in großer Zahl schuf und hinterließ, das lag bis vor vier Jahren, als die ersten CDs mit den Sinfonien erschienen sind, außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Seither jedoch hat dieser Musiker, der 1860 in Wien geboren wurde und 1945 in Berlin starb, der sorglos aufwuchs und später von Sorgen nicht verschont blieb, dessen Schaffen von vielerlei Quellen gespeist und der vielerorts bekannt wurde, enormen Eindruck gemacht. Und die Frage stellt sich , warum er heutzutage im Theater- und Konzertbetrieb so wenig vertreten ist… 

Jetzt trumpft cpo mit der zwölften und wohl letzten Veröffentlichung der Reznicek -Edition auf und zieht mit drei Orchestersuiten ein faszinierendes Fazit. Leicht und elegant, fantasie- und farbenfroh, voller Frische, mit Spaß an klanglichen Szenerien und ironischen Spielereien kommen sie daher. Die „Karneval-Suite im alten Stil“ (1935) kredenzt einen prächtigen musikalischen Aufzug mit allen Figuren der Commedia dell’ arte. Die „Traumspiel-Suite“ (1915) reiht sechs atmosphärisch dichte Stimmungsbilder zu Strindbergs Schauspiel aneinander. Und die Symphonischer Suite Nr. 1 (1882) ist eher eine dreisätzige Sinfonie für großes Orchester - aber mit locker wechselnden Emotionen und Kontrasten an Stelle intensiver thematischer Arbeit. Dass bei dieser CD die Weimarer Staatskapelle unter Stefan Solyom mit von der Partie ist, begeistert und erfreut ebenso wie die Musik selbst. Wir erleben das brillante, farbige und hinreißende Spiel eines Orchesters, dass sich hingebungsvoll einem Komponisten widmet, der hier selbst für kurze Zeit am Dirigentenpult gestanden hat. Eine tolle Aufnahme! 

Auch mit der Wiederentdeckung und Neu-Präsentation der Werke von Paul Graener (1872-1944) hat das Label cpo für Überraschung und Aufsehen gesorgt. Eben ist die fünfte - und sicher nicht die letzte - Folge erschienen; über die vierte und über den Musiker, einen Zeitgenossen und zeitweiligen Leidensgefährten Rezniceks im „dritten Reich“, hatten wir im März 2015 unter dem Titel „Von der Reichsmusikkammer ins Armengrab“ berichtet. Die drei Konzerte der neuen CD sind höchst verschieden - nicht nur, was die Solo-Instrumente angeht, sondern auch, was den Ausdruck und die Schaffensumstände betrifft. Solide Handwerkskunst zeigt das Cello-Konzert - ein wahres deutsches Meisterstück. 1927 in Berlin uraufgeführt und dem berühmten Paul Grümmer zugeeignet, lässt der transparente Orchesterklang dem solistischen Auftritt viel Raum, während der kantable und empfindungsvolle 2. Satz sich dem Hörer besonders tief einprägt. Und das trifft für das 1937 ebenfalls in Berlin uraufgeführte, hoch inspirierte Violinkonzert ganz und gar zu: Von sinfonischem Gewicht, voller harmonischer Finessen und reizvoller Impressionen, zeigt es den Komponisten auf einem Gipfelpunkt seines Schaffens. Noch einmal ganz anders sein letztes vollendetes Werk, das 1944 inmitten von Krieg und Zerstörung entstandene Flötenkonzert. Dem Schlusssatz dieses freundlich-innigen, von großer Musizierlust getragenen Stückes liegt das deutsche Volkslied „Freut euch des Lebens“ (1793) zugrunde. Paul Graener bleibt Optimist, trotz aller Schicksalsschläge. Und er mahnt, in dunklen Zeiten den Lebenswillen nicht zu verlieren. Die Uraufführung aber hat er nicht mehr erlebt. Mit den Solisten Vladimir Sinkevich, Henry Raudales und Christiane Dohn, dem Münchner Rundfunkorchester und dem Dirigenten Ulf Schirmer haben sich auch hier engagierte Interpreten mit einer eindrucksvollen Wiedergabe hervorgetan. Die Neugier auf die Fortsetzung der Serie hält an …

Emil Nikolaus von Reznicek, Karneval-Suite, Traumspiel-Suite, Symphonische Suite / Weimarer Staatskapelle, Stefan Solyom // cpo 1 CD 555 056-2

Paul Graener, Orchesterwerke IV: Cello Concerto op. 78, Violin Concerto op. 104, Flute Concerto op. 116 / Vladimir Sinkevich, Henry Raudales, Christiane Dohn; Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer // cpo 1 CD 777 962-2

 


Von der MET zum Broadway

Renée Fleming überrascht mit einem neuen Album bei DECCA / Von Dr. Eberhard Kneipel

Nun hat sie es auch getan! Und sie hat es geschafft! Aus der Opern-Diva wurde ein Musical-Star. Längst sind ihr Name und ihre Stimme zum Synonym für die großen Opernhäuser dieser Welt, für die schönsten Rollen des Repertoires und für exklusive Musik-Erlebnisse geworden.  Wir kennen und bewundern Renée Fleming als Marschallin in „Der Rosenkavalier“, als „Tatjana in „Eugen Onegin“ und als Wassernixe in „Rusalka“; sie beeindruckte mit Liedern von Franz Schubert, und ihre Interpretation der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss mit Claudio Abbado und dem Festspielorchester Luzern wurde legendär! Nun aber ist die amerikanische Sopranistin in die Traumwelt des Musicals eingetaucht und tut dies mit einer Selbstverständlichkeit,  die überrascht und begeistert.  Und das nicht zuletzt wohl deswegen, weil ihr Trip von den gewichtigen Partien der ernsten Musik in die glitzernden Gefilde der leichten Muse kein „Fremdgehen“ ist: Mit ihrem neuen Album kehrt Renée Fleming zu ihrer ersten Liebe zurück, die seit ihrer Kindheit anhält. Und wenn man sie mit diesen 17 Songs erlebt, will man kaum glauben, dass sie damit ein CD-Debüt gibt. Doch schon in der Vergangenheit hat sie ihre Aufgeschlossenheit und Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, und ihre warme Stimme besitzt noch immer eine Frische, die fasziniert - sie vermag ihre Liebeserklärung an den Broadway mit wunderbarer Souveränität und Leichtigkeit zum Ausdruck zu bringen: bezaubernd und hinreißend; mal mit unschuldiger Naivität, mal mit überschwänglicher Lebensfreude, mal mit bittersüßer Melancholie, mal mit verträumter Verliebtheit.  Eine lässige Klangschönheit, die total in Bann zieht!
Komponisten wie Andrew Lloyd Webber und Cole Porter, Stephen Sondheim und Rogers & Hammerstein haben das Album inspiriert. Hits und Ohrwürmer aus Stücken wie „The Music Man“ und „The King and I“ oder  „A Little Night Music“ und „South Pacific“ liefern Vorlagen voller Charme und Eleganz. Und aufwändige Arrangements machen passgenau mit prächtigem Orchesterklang und auch mit jazzigem Combo-Drive den Zauber der Stimme und den Reiz der Musik zu einem abwechslungsreichen, beglückenden Hör-Vergnügen. Diese swingenden Glanzlichter zeigen Renée Fleming auch am Broadway ganz in ihrem Element – sie fängt alles ein, was die New Yorker Theaterszene ausmacht: berührende Geschichten, Glamour und zeitlos schöne Melodien ... Der  Trip dorthin hat sich gelohnt!

Renée Fleming, Broadway // DECCA, 1 CD 483 4215


Klanglandschaften und Tonskulpturen

Komponisten-Porträt von Jörg Widmann bei Wergo / Von Dr. Eberhard Kneipel

Ab und zu lohnt es schon, einen Blick in die oberen Ränge der Komponistenzunft von Heute zu werfen und zu betrachten, was die Meister der E-Musik antreibt, was sie beschäftigt und was sie kreieren – auf das also, was uns der Konzertalltag in der Regel vorenthält: Zu ungewohnt,  zu kompliziert, zu unzugänglich bleiben ihm die Klänge, die Farben, die Formen. Lässt sich der neugierige Blick jedoch nicht abhalten, wird er gar forschend, dann kann er unerwartet verlockende und lohnende Momente entdecken. Dafür bietet sich die neue CD des Mainzer Moderne-Labels Wergo geradezu an. Bereits die Titel der Werke wecken fantasievolle Vorstellungen: „Polyphone Schatten“ (2001) und „Drittes Labyrinth“ (2013/14) für Solisten und Orchestergruppen. Auch der Komponist darf höchste Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: Jörg Widmann (Jahrhang 1973) nimmt – wie zuvor seine Vorbilder und Lehrer Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm – eine herausragende Position unter den Musikern seiner Generation und unserer Tage ein. Erst im März 2018 hat er das als „Composer in residence“ mit der Uraufführung seiner „Partita - Fünf Reflexionen für großes Orchester“ in Leipzig bestätigt - zum Amtsantritt von Andris Nelsons, dem 21. Gewandhauskapellmeister. Und als Klarinettist und Dirigent macht Widmann ebenso von sich reden – und diese Personalunion bestimmt und durchdringt sein gesamtes Schaffen und Wirken. Da verwundert es nicht, wenn er auch als Solist auf seiner  Porträt-CD in Erscheinung tritt: In dem Stück „Polyphone Schatten – Lichtstudie II“ für Viola, Klarinette und Orchestergruppen gibt er gemeinsam mit dem Bratschisten Christophe Desjardins als kongenialem Dialog-Partner die Impulse für eine weit ausschwingende Vielstimmigkeit der Klänge und Geräusche. Und in „Drittes Labyrinth“ für Sopran und Orchestergruppen mit der exzellenten Solistin Sarah Wegener vereint Widmann das Spiel der Instrumente mit dem Stammeln, dem Gelächter und dem Gesang der Vokalpartie und deren imaginären Partner zu einer atmosphärisch-verstörenden Szene zwischen einem Mann und einer Frau, der Friedrich Nietzsches „Klage der Ariadne“ und der „Asterion“-Text von Jorge Luis Borges das Wort-Material liefern. Die Stimme wandelt zwischen den Instrumenten, irrt durch den Raum, sucht ihr Gegenüber, einen Widerhall und den Weg ins Freie. Doch ob im „Labyrinth“ oder in „Schatten“– hier wie dort wird am und mit dem Ton gearbeitet, werden die Klangfarben und Verlaufsformen quasi modelliert. Prägnante Themen und nachvollziehbare Entwicklungen aber können wir freilich nicht erwarten - stattdessen zieht uns „gestisches Musizieren“ in seinen Bann: Aktion und Reaktion. Sensibles Tasten und energisches Ausgreifen. Zarte Tonpunkte und gewaltige Klangkaskaden. Feine Linien und ausufernde Flächen. Magisches Dunkel und geheimnisvolles Leuchten. Aus dem Nichts wachsend und nach gewaltigen Kulminationen wieder im Nichts verschwindend. Und ein Gesang, der ständig an Umfang, Ausdruck und Präsenz gewinnt ...        Solches Interagieren zwischen Solisten, Gruppen und wechselnden Klangquellen erschafft eine spannende  Szenerie von Raumklängen. Und nicht zuletzt fasziniert die Musik durch den Reiz und die Suggestion des Unerwarteten, durch fortwährende Überraschung. „Kontrolle – Schweben, Freiheit - Setzung und wieder Freiheit“:  Wie also Jörg Widmann seine Tonskulpturen und Klanglandschaften plant, formt und baut, und wie diese vom WDR Sinfonieorchester unter Heinz Holliger und Emilio Pomàrico eindrucksstark realisiert werden, das lässt dem Hörer viel Raum für eigene Visionen, Erlebnisse und Reflexionen  ... Ein Hörabenteuer! Aber ohne Neugier geht es nicht ...

Jörg Widmann: Drittes Labyrinth, Polyphone Schatten / Sarah Wegener,  Christophe Desjardins, Jörg Widmann / WDR Sinfonieorchester, Emilio Pomàrico, Heinz Holliger // Wergo 1 CD WER73692 (Laufzeit 59:59)


Herbert Grönemeyer: Tumult

Das aktuelle Album / Tour 2019

„Tumult“. So heißt das neue Album von Herbert Grönemeyer. Tumult: Das ist Herbert Grönemeyers Wort für den Zustand, in dem sich unsere Gesellschaft befindet. Es ist eine nervöse, eine unruhige Zeit. Viele Gewissheiten schwinden; und vieles von dem, was uns einst sicher und selbstverständlich erschien, wird in Frage gestellt. Wie wollen wir leben? Was können wir tun, damit wieder Hoffnung herrscht und nicht Hass? Wie verteidigen wir unsere Freiheit gegen ihre Verächter? Wie stehen wir zu uns selbst in einer Gegenwart, in der sich so viele verbiegen und ihr Menschsein verleugnen? Wie kommen wir miteinander aus?

„Tumult“ ist Herbert Grönemeyers fünfzehntes Album. Vier Jahre haben wir auf neue Musik von ihm warten müssen. Aber das Warten hat sich gelohnt: „Tumult“ ist ein Höhepunkt in der 40-jährigen Karriere dieses singulären Künstlers. Ein absolut gegenwärtiges, hoch politisches Werk. Ein Werk, das die Lage beschreibt, in der wir leben; ein Werk, das Wort und Klang für die Stimmung findet, die uns alle ergriffen hat und in Sorge versetzt. Und es ist ein Werk, das uns Mut macht. „Tumult“: Das ist Musik zur Zeit. Zum Beispiel: „Sekundenglück“: ein zartes, delikates, hoch lyrisches Stück; ein Lied, das auf die leichteste Weise erneut beweist, dass Herbert Grönemeyer nicht nur ein großer Musiker ist, sondern auch ein sehr großer Dichter. „Sekundenglück“ handelt von der Liebe und vom Geliebt-werden; es erzählt von dem, was selbst in Zeiten wie diesen unabänderlich Hoffnung stiftet. Es erzählt von dem Glück, das man in jenen „tausendstel Momenten“ findet, in denen man ganz bei sich ist und eins mit der Welt – oder in denen man ahnt, dass etwas Neues beginnt, eine zarte Liebe, ein kommendes Glück. Denn auch das kann „Tumult“ ja bedeuten: dass man spürt, dass etwas anders wird, heller und schöner, verheißungsvoll.

Ab Ende August 2019 große Open-Air-Tournee:

Erfurt (30.8.), Flensburg (1.9.), Berlin (3.9.), Hannover (6.9.), Gelsenkirchen (7.9.), Frankfurt (9.9.), Dresden (10.9.), Wien (12.9.)

Foto: Antoine Melis


Kennst Du Theodor Fontane?

Texte von Theodor Fontane für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Sebastian Hennig.

Sebastian Hennig, Maler, Grafiker und Publizist,ist wie Theodor Fontane (1819–1898) ein Wanderer sowohl im Geiste als auch in gut eingelaufenen Wanderstiefeln.Dabei hat er vor allem seine sächsische Heimat und die Jahrzehnte um die vorletzte Jahrhundertwende im Blick. Maler wie Otto Altenkirch (1875–1945) und Carl Schuch (1846–1903; vgl. CATO, Heft No. 4/2018) begeistern ihn. Zu den Schriftstellern, die ihn schon zu eigenen Werken inspiriert haben, zählen Wilhelm von Polenz(1861–1903) und Edgar Hahnewald (1884–1961). Letzterem folgte er mit einer klugen Reportage, welche 2017 unter dem Titel Unterwegs in Dunkeldeutschlandim Verlag C. C. Meinhold & Söhne in Dresden erschien. War er – als Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband Thüringen (FDA) – mit Moritz August Thümmel, Otto Ludwig und Jean Paul auch in Thüringen schon unterwegs, so begibt er sich nun also mit Hilfe des Bertuch-Verlags Weimar auf Fontanes literarische Spuren in die Mark Brandenburg und lädt junge Leute dazu ein, ihm zu folgen. Seine intensive Bekanntschaft mit Fontane geht auf eine seiner Lehrerinnen zurück, die es wohl tatsächlich verstanden hatte, ihren Schüler(inne)n Literatur überzeugend zu vermitteln. Nun ist der Schüler an der Reihe, ein Gleiches zu tun. Sebastian Hennig, der sehr wohl auch „anders kann“, erweist sich hierin, wie in seinen Bildern, als ein Meister der leisen und der Zwischentöne. Behutsam didaktisch erschließt er jungen Lesern den nur scheinbar so zeitenfernen Dichter. Entstanden ist eine kommentierte Blütenlese(oder Anthologie)mit Bezügen zur Gegenwart, die wohl nicht jedem ohne weiteres eingefallen wären. Das selbstlose Handeln despflichtbewussten Steuermannes „John Maynard“ (1841) setzt er in Beziehung zum unwürdigen Abgang des Kapitäns der „Costa Concordia“ 2012; anhand der 1859 entstandenen Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ weist er auf die nun schon über zwei Jahrhunderte währende fatale Kontinuität der Aggressionen gegen die einst so stolzen Stämme der Paschtunen hin. Damit setzt er eine der besten Traditionslinien in der deutschen Literatur fort. In den Briefen eines Verstorbenen hatte der Fürst Pückler um 1830 beispielsweise bereits den Irland-Konflikt in seiner ganzen damaligen wie heutigen Tragweite beschrieben. Über die von ihmhauptsächlich aus Fontanes Romanen Irrungen und Wirrungen und DerStechlinausgewählte Prosa schreibt Sebastian Hennig: „Wer zupackende Spannung erwartet und in kraftvolle Auseinandersetzungen hineingezogen werden will, der wird sich in den ruhigen gleichmäßigen Fortgang des Erzählens bei Fontane erst hineinfinden müssen. Die Geduld wird belohnt werden. Trotz aller Beschaulichkeit geht es letztlich sehr leidenschaftlich zu. Im Mittelpunkt steht der moderne Mensch, das Individuum, welches mit seinen Neigungen ständig in Widerspruch zu anderen Individuen gerät. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“Für ihn stellt das Lesen Fontanes wie das „Wandern und Wundern“, das Gehen zu Fuß, ein Innehalten, ein Verweilen in zahlreichen Augenblickendar, welches heute wie zur Zeit des griechischen Bildhauers Phidias auch erlaubt, ex ungue leonemvon Teilen auf das Ganze zu schließen. Man muß sich für die Details nur genügend Zeit nehmen.

Kennst Du Theodor Fontane? Texte von Theodor Fontane für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Sebastian Hennig. Weimar: Bertuch Verlag 2018. (Bertuchs Weltliteratur für junge Leser, Bd. 17.) 158 Seiten 8°, Broschur, 38 SW-Abb. ISBN 978-3-86397-055-0. 14,80 Euro.


Große Opern – große Bilder – große Emotionen

Open-air-Attraktionen der Bregenzer Festspiele als DVD-Box von CMajor / Von Dr. Eberhard Kneipel

Bregenz, die Festspiele, die Seebühne! Das ist ein fantastischer Ort für magische Wasser-Spiele und die einzigartige Verbindung von grandioser Naturkulisse und großer Opernkunst. Das ist ein Ort, der immer wieder und immer neu zum Magnet für unzählige Besucher wird, die das Besondere genießen wollen und die stets außergewöhnlich kreative Inszenierungen erleben können. Und es ist ein Ort, der den Mitwirkenden eine Ehre ist und ihnen immer neue Herausforderungen bietet - für Künstler mit bedeutendem Namen und Ruf: Regisseure wie David Pountney, Graham Vick oder Kasper Holten; für Ausstatter wie Paul Brown, Ed Devlin oder das Multi-Talent Marco Arturo Marelli; für Dirigenten wie Carlo Rizzi, Ulf Schirmer oder Paolo Carignani. Die überwältigende Klangkulisse zur Szene erschaffen die Wiener Symphoniker und beeindruckende Chöre, und die vokale Feinarbeit leisten viele Solistinnen und Solisten, deren Namen sich hier nicht auflisten lassen. Sie kommen aus aller Welt, und sie sind alle Stars ...

Allein das schon reichte für ein grandioses Gesamtkunstwerk aus, doch Bregenz zaubert immer wieder noch ein Ass aus dem Ärmel - nicht nur bei Bizets „Carmen“, in der das Kartenspiel über Liebe und Tod entscheidet und wo das Bühnenbild mit überdimensionalen Spielkarten das Geschehen symbolisiert. Auch andere Aufführungen haben Trümpfe auszuspielen, um See und Bühne fantasievoll zu verbinden und mit spektakulären Bildern für große Opern zu begeistern: In Verdis „Aida“ bringen atemberaubende Effekte das alte Ägypten und das moderne Amerika auf die Bühne; der See wird zum Nil mit den Ruderbooten der Priesterinnen und Priester. Für„Carmen“ sind die unablässig wogenden  Wellen ein Sinnbild von Leidenschaften und Obsessionen, und am Ende wird das Wasser zum Grab. Die Turbulenzen der französischen Revolution in Umberto Giordanos Operndrama „Andrea Chénier“ werden in gigantischen Aufbauten, multiplen Bild-Sequenzen und sensiblen Charakterzeichnungen sichtbar. Mozarts „Zauberflöte“ erscheint als Fantasy-Spektakel, das sich um die ewigen Fragen des Daseins dreht und dem der Bodensee den faszinierenden Rahmen gibt. Und Puccinis „Turandot“ bringt Hollywood nach Bregenz: Melodien für Millionen als eindrucksvolle Monumental-Show inszeniert ...

Die Box mit fünf DVDs/Blu-ray Discs ruft nicht nur die Festspiel-Höhepunkte der Jahre 2010 bis 2017 in Erinnerung und macht den einzigartigen Zauber der Seebühne wieder gegenwärtig - die von Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka präsentierte Edition realisiert auch jenen Anspruch, den David Pountny, ihr Vorgänger, auf den Punkt gebracht hatte: „Kunst gehört nicht einem kleinen Kreis der Gesellschaft. Kunst ist ein Juwel, ein Reichtum, den man einem großen Publikum zugänglich machen muss.“ Und nun kann ihn sogar jeder in den Händen halten ...

Bregenz Festival – Oper auf der Seebühne: Aida / Andrea Chénier / Die Zauberflöte / Turandot / Carmen // CMajor/ Unitel Classica 745 904 - 5 Blu-ray Disc / 5 DVD

 


Klanglandschaften und Tonskulpturen

Komponisten-Porträt von Jörg Widmann bei Wergo / Von Dr. Eberhard Kneipel

Ab und zu lohnt es schon, einen Blick in die oberen Ränge der Komponistenzunft von Heute zu werfen und zu betrachten, was die Meister der E-Musik antreibt, was sie beschäftigt und was sie kreieren – auf das also, was uns der Konzertalltag in der Regel vorenthält: Zu ungewohnt,  zu kompliziert, zu unzugänglich bleiben ihm die Klänge, die Farben, die Formen. Lässt sich der neugierige Blick jedoch nicht abhalten, wird er gar forschend, dann kann er unerwartet verlockende und lohnende Momente entdecken. Dafür bietet sich die neue CD des Mainzer Moderne-Labels Wergo geradezu an. Bereits die Titel der Werke wecken fantasievolle Vorstellungen: „Polyphone Schatten“ (2001) und „Drittes Labyrinth“ (2013/14) für Solisten und Orchestergruppen. Auch der Komponist darf höchste Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: Jörg Widmann (Jahrgang 1973) nimmt – wie zuvor seine Vorbilder und Lehrer Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm – eine herausragende Position unter den Musikern seiner Generation und unserer Tage ein. Erst im März 2018 hat er das als „Composer in residence“ mit der Uraufführung seiner „Partita - Fünf Reflexionen für großes Orchester“ in Leipzig bestätigt - zum Amtsantritt von Andris Nelsons, dem 21. Gewandhauskapellmeister. Und als Klarinettist und Dirigent macht Widmann ebenso von sich reden – und diese Personalunion bestimmt und durchdringt sein gesamtes Schaffen und Wirken. Da verwundert es nicht, wenn er auch als Solist auf seiner  Porträt-CD in Erscheinung tritt: In dem Stück „Polyphone Schatten – Lichtstudie II“ für Viola, Klarinette und Orchestergruppen gibt er gemeinsam mit dem Bratschisten Christophe Desjardins als kongenialem Dialog-Partner die Impulse für eine weit ausschwingende Vielstimmigkeit der Klänge und Geräusche. Und in „Drittes Labyrinth“ für Sopran und Orchestergruppen mit der exzellenten Solistin Sarah Wegener vereint Widmann das Spiel der Instrumente mit dem Stammeln, dem Gelächter und dem Gesang der Vokalpartie und deren imaginären Partner zu einer atmosphärisch-verstörenden Szene zwischen einem Mann und einer Frau, der Friedrich Nietzsches „Klage der Ariadne“ und der „Asterion“-Text von Jorge Luis Borges das Wort-Material liefern. Die Stimme wandelt zwischen den Instrumenten, irrt durch den Raum, sucht ihr Gegenüber, einen Widerhall und den Weg ins Freie. Doch ob im „Labyrinth“ oder in „Schatten“– hier wie dort wird am und mit dem Ton gearbeitet, werden die Klangfarben und Verlaufsformen quasi modelliert. Prägnante Themen und nachvollziehbare Entwicklungen aber können wir freilich nicht erwarten - stattdessen zieht uns „gestisches Musizieren“ in seinen Bann: Aktion und Reaktion. Sensibles Tasten und energisches Ausgreifen. Zarte Tonpunkte und gewaltige Klangkaskaden. Feine Linien und ausufernde Flächen. Magisches Dunkel und geheimnisvolles Leuchten. Aus dem Nichts wachsend und nach gewaltigen Kulminationen wieder im Nichts verschwindend. Und ein Gesang, der ständig an Umfang, Ausdruck und Präsenz gewinnt ...        Solches Interagieren zwischen Solisten, Gruppen und wechselnden Klangquellen erschafft eine spannende  Szenerie von Raumklängen. Und nicht zuletzt fasziniert die Musik durch den Reiz und die Suggestion des Unerwarteten, durch fortwährende Überraschung. „Kontrolle – Schweben, Freiheit - Setzung und wieder Freiheit“:  Wie also Jörg Widmann seine Tonskulpturen und Klanglandschaften plant, formt und baut, und wie diese vom WDR Sinfonieorchester unter Heinz Holliger und Emilio Pomàrico eindrucksstark realisiert werden, das lässt dem Hörer viel Raum für eigene Visionen, Erlebnisse und Reflexionen  ... Ein Hörabenteuer! Aber ohne Neugier geht es nicht ...

Jörg Widmann: Drittes Labyrinth, Polyphone Schatten / Sarah Wegener,  Christophe Desjardins, Jörg Widmann / WDR Sinfonieorchester, Emilio Pomàrico, Heinz Holliger // Wergo 1 CD WER73692 (Laufzeit 59:59)

 


Open Your Ears - Wege zur Neuen Musik

Arthaus Musik präsentiert die legendäre Sendereihe mit den großen Vertretern der Nachkriegsmoderne / Von Dr. Eberhard Kneipel

Der Dirigent Gerd Albrecht war nicht nur ein Meister des Taktstocks, er war auch ein Pionier der Musikvermittlung. Er hat sich für die neue Musik und deren Schöpfer engagiert und den Reiz und die Möglichkeiten des Mediums Fernsehen für sich entdeckt. Er wollte seinen Beitrag zur musischen Bildung leisten, die er im Argen fand, und er besaß das rare Talent, die Welt der Töne feinsinnig und verständlich zu erklären und erlebbar zu machen. Solcherart motiviert und befähigt, initiierte er im Januar 1986 die Fernsehreihe „Wege zu Neuer Musik“, für die er den Sender Freies Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester als Partner gewinnen konnte. Bis März 1995 stellten sie gemeinsam vierzehn Veranstaltungen auf die Beine. Dann begann die Quote zu herrschen, und die preisgekrönte Reihe  entfiel; sie geriet aber nicht in Vergessenheit und hatte 2010 - 2012 ihr Revival „Ganz Neu – Ganz Nah“ mit dem Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin. „Mich hat die Begegnung mit den Komponisten fasziniert, die Diskussion zwischen einem primär schöpfenden und einem  nachschöpfenden Menschen kann unglaublich spannend sein.“ 

Gerd Albrecht hatte den Wunsch, diese Gesprächskonzerte seinen Hörern auf Dauer zugänglich zu machen. Und der hat sich Jetzt erfüllt: Dank der großzügigen Förderung durch die Commerzbank-Stiftung liegen eine DVD-Edition mit sechs Veranstaltungen aus den Jahren 1986 -2011 und ein dickes Begleichbuch vor. Krzysztof Penderecki und Hans Werner Henze, György Ligeti und Maurico Kagel, Isang Yun und Jörg Widmann sind die Komponisten. Sie zählen zu den bedeutendsten der Zeit. Sie besitzen Individualität, ihre Musik sucht Öffentlichkeit und Resonanz; sie bleibt nicht hermetisch abgezirkelt. Auch die Titel ihrer Werke sprechen. Sie erwecken Neugier und verraten Vielfalt. Sie bieten Zugang und liefern Assoziationen. Und sie verweisen auf die Technik und den „Inhalt“ des Komponierten: Partita für Cembalo, Elektrogitarre, Bass-Gitarre, Harfe, Kontrabass und Orchester – Barcarola für großes Orchester  - San Francisco Polyphony für Orchester - Quodlibet für Frauenstimme und Orchester nach Französischen Chansontexten aus dem XV. Jahrhundert – Muak. Tänzerische Fantasie für großes Orchester – Elegie für Klarinette und Orchester.                     Facetten dieser Klangwelten zwischen Ost und West, zwischen Avantgarde und Neoromantik, zwischen Klassik und Exotik fördert dann der Dirigent mit seinen Musikern und Gesprächspartnern zutage: Sie lüften  Werkstatt-Geheimnisse und bieten Innenansichten. Genial: Henzes Welt- und Werkerklärung anhand seiner Barcarola. Und am Ende liegt ein reizvolles Panorama neuer Musik vor dem Betrachter: Zeitdokumente von außerordentlichem Wert; Filmmaterial, das diese großen Nachkriegskomponisten live zeigt. 400 Minuten dauern die Aufzeichnungen, und die 200 Seiten des attraktiven Buches „Annäherung an die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts“ haben namhafte Autoren unserer Tage geschrieben. Das einzigartige „Komplett-Angebot“ ist eine Freude für Musikfreunde, und dem Dirigenten Gerd Albrecht (1935–2014) setzt es ein ein schönes Denkmal.

Open Your Ears – Wege zur Neuen Musik. Gerd Albrecht dirigiert und erläutert Penderecki, Henze, Ligeti, Kagel, Yun und Widmann //  Arthaus Musik / 6 DVDs  / 109 085


Das kleine Buch der Thüringer Trachten

Zwei junge Leute, sie mit Goldhaube in weißen Taft gehüllt, er im schwarzen Bratenrock mit Dreispitz reicht ihr den Myrrtenkranz, zieren den Buchtitel. Sie kommen aus Oberdorla, dort wo der Dorfanger am größten ist. Im RhinoVerlag in Ilmenau ist mit diesem Bild in der Reihe der Westentaschen-Bibliothek das kleine Buch „Thüringer Trachten“ erschienen. Autor ist Thüringens „Trachtenmann Nummer Eins“ Knut Kreuch, der vor genau 20 Jahren sein erstes Buch über die Kleidung des Freistaates „Trachtenland Thüringen“ vorlegte. Nun hat Kreuch eine neue Form gefunden, um Tracht dem Menschen ans Herz zu legen. „Ich wollte gern eine kleine Form, die in jedes Trachtenkörbchen, jede Manteltasche oder sogar ins Strumpfband passt. Wir sind in unseren Trachten jährlich viele Kilometer als Botschafter unserer Heimat unterwegs und da muss man ganz praktisch auch immer etwas dabei haben, was die Leute von uns zu Hause behalten“ so der seit Jahrzehnten für die Heimat- und Trachtenpflege engagierte ehrenamtliche Landesvorsitzende.

Auf 92 Seiten erzählt Autor Knut Kreuch ohne Anzüglichkeiten den Weg von den alten Kleiderordnungen zur Tracht, verfolgt die Geschichte der Thüringer Tracht und der ersten Vereine und er nimmt seinen Leser mit auf Wanderschaft durch die Thüringer Trachtenlandschaft sozusagen von Verein zu Verein. Abschließend klärt er auf, wie man im Jahr 2018 eine Tracht bekommt. Man merkt, das Buch hat ein Trachtenträger geschrieben, es sprüht von der Liebe zum historischen Gewand, von der Geschichte, die sich mit jedem einzelnen Kleidungsteil verbindet. Das Buch bleibt natürlich aktuell, es ist kein Geschichtsbuch für Leute von Gestern, es zeigt Menschen, die im 21. Jahrhundert gern ihre Trachten tragen in allen Regionen Thüringens. Auf 92 Seiten illustrieren 43 farbige Aufnahmen die Pracht und Vielfalt der Thüringer Trachtenlandschaft. „Das kleine Buch ist einmalig für die Trachtenlandschaft in Deutschland“ freut sich Landesgeschäftsführerin Eva Kowalewski „bisher hat kein Landesverband ein so handliches Buch über seine Trachten und Trachtengeschichte.“

Das Buch ist zum Preis von 5,95 € in allen guten Buchhandlungen erhältlich.

 


Zweiter Konzert-Marathon mit Stardirigent Valery Gergiev

Sinfonien, Konzerte und Kantaten von Sergej Prokofjew als eindrucksvolle DVD-Edition bei Arthaus Musik / Von Dr. Eberhard Kneipel

Schon einmal hatte Valery Gergiev mit einem Konzert-Marathon für Staunen und Bewunderung gesorgt. Das war 2013/14, als er mit einem Großaufgebot an Top-Interpreten aus St. Petersburg nach Paris gereist war,  um im legendären Salle Pleyl  innerhalb kürzester Zeit alle  Sinfonien und Konzerte von Dmitri Schostakowitsch aufzuführen. Dieses Ereignis ging via Fernsehen um die Welt, und Arthaus-Musik hat die hochkarätigen Aufnahmen, die Werk-Kommentare Gergievs und eine Filmbiografie über Schostakowitsch in einer einzigartigen audiovisuellen Edition veröffentlicht – 2015, zu Ehren des 40. Todestages dieses Komponisten, den Penderecki einmal „den wohl größten des 20. Jahrhunderts“ genannt hat 

Als dann im April 2016 der Stardirigent, das Orchester und der Chor des Mariinsky-Theaters sowie zahlreiche handverlesene russische Solisten zum zweiten Marathon antraten, entfesselte das Energiebündel Gergiev nochmals einem unglaublichen Kraftakt: Zwei Tage reichten aus, um das Publikum in St. Petersburg und in Moskau mit allen Sinfonien, Konzerten und chorsinfonischen Werken von Sergej Prokofjew zu begeistern. Es wurde ein Fest zum 125. Geburtstag dieses anderen Giganten der sowjetischen Musik. Wieder liefen die Konzerte über den Bildschirm, und man wünschte sich Gleiches wie bei Schostakowitsch. Jetzt ist es soweit: Arthaus Musik hat das Warten belohnt und trumpft nun mit der exklusiven Prokofjew-Edition auf. 

Der Komponist, der 1891 als Sohn eines Landwirts in der Ukraine geboren wurde und 1953 in Moskau starb, hat in St. Petersburg Musik studiert und nach 1918 lange Zeit in den USA und in Paris gelebt; 1936 kehrte er in sein Heimatland zurück. Sein Schaffen ist umfangreich und vielfältig und sucht sich den eigenen Weg zwischen Modernismus und Volksverbundenheit. Mit dem Geniestreich der Symphonie classique errang Prokofjew  1917 Weltruhm, den Opern wie „Die Liebe zu den drei Orangen“ und „Krieg und Frieden“, die Ballette „Romeo und Julia“ und „Cinderella“, Konzerte und Sinfonien, Filmmusik und das musikalische Märchen „Peter und der Wolf“ vermehrt haben. In den Sinfonien 2, 3 und 4 näherte er sich 1925-30 dem Expressionismus an, die Fünfte –„Auf die Größe des menschlichen Geistes“ – wurde am 3. Januar 1945 unter seiner Leitung uraufgeführt und gilt als seine bedeutendste Sinfonie, und die melodisch schöne Siebte widmete er 1952 der Jugend seines Landes. Und auch wenn die Kantate „Alexander Newski“ (1939) oder das Oratorium „Iwan der Schreckliche“ (1942-45) historische Themen abhandeln, ist der Gegenwartsbezug dieser Werke unüberhörbar, indes die scheinbar propagandistische Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution eher ein kühnes Experiment als eine politische Manifestation darstellt.... Ungeachtet seiner Meisterwerke und hochgeehrt, wurde aber auch Prokofjew 1948 ein Opfer von Anfeindungen und Restriktionen der dogmatischen Kulturpolitik Schdanows. 

„Heftig und verzaubernd“ empfindet Valery Gergiev die Eindrücke, die er schon als Klavierschüler vom Leben und Schaffen des Komponisten empfing. Heftig und verzaubernd wirkt auch die Prokofjew-Edition: Heftig, indem sie die sieben Sinfonien, die acht Konzerte für Klavier, für Violine und für Violoncello, die Skytische Suite und die Kantaten und Oratorien großartig präsentiert und zugänglich macht... Verzaubernd, weil die Solisten und Instrumentalisten die Musik wunderbar zum Klingen bringen. Ob Sänger wie Olga Borodina oder Igor Morozov, Pianisten wie Daniel Trifonov oder Denis Matsuev, der Geiger Leonidas Kavakos, der Cellist Alexander Ramm – sie sind alle begnadete Künstler mit legendärem Ruf. Und Gergiev ist ihr Meister -  die treibende Kraft...  

Begleitet wird dieser Aufführungs-Marathon durch ein umfangreiches Booklet und die Filmdokumentation „Prokofjew: Auf dem Weg“ von Anna Matison, die einen innigen Blick auf das Leben, das Werk und in das Tagebuch des Musikers wirft. Und am Ende tun sich die  Prallelen zwischen dem großen Komponisten und Russlands berühmtesten Dirigenten auf – überraschend und faszinierend ... 

Prokofjev, Complete Symphonies & Concertos / Scythian Suite „Ala & Lolly“/ Seven, they are Seven / Cantata for the 20th Annversary of the October Revolution/ Alexander Nevsky / Ivan the Terrible. Arthaus Musik, 109 329 (7 DVDs) / 109 330 (4 Blu-ray) / Laufzeit: 785 min.


Spektakuläre Zeitreise

Daniel Hopes „Journey to Mozart“ bei der Deutschen Grammophon

Von Dr. Eberhard Kneipel   Es sind nicht nur Saitenglanz oder Seelenzauber, mit denen der Violinvirtuose beeindruckt und in Atem hält. Auch seine originellen Programm-Ideen verschaffen ihm Aufmerksamkeit und Aufsehen: Wo und wann Daniel Hope auftritt, welche Einspielung er gerade absolviert hat - stets ist er mit einem Event der Extraklasse zur Stelle. Da macht auch sein Album „Journey to Mozart“, das die Deutsche Grammophon in aller Schönheit präsentiert, keine Ausnahme. Es ist für eine Überraschung gut und hält doch an allem fest, was Hopes Markenzeichen ist: Geigenspiel vom Feinsten und feinste Stückauswahl auch! Eine Schippe freilich vermag er dennoch draufzulegen. Die wahrlich spannende Entdeckungsreise zu Mozart und um Mozart herum unternimmt Hope zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester, dessen Musikdirektor er seit 2016 ist. Ein Spitzenteam also, das der Geiger quasi als Reiseleiter hin zu exquisiten Orten und zu herrlichen Panoramablicken führt ...

Es sind viele persönliche Erinnerungen, die ihn mit Wolfgang Amadeus Mozarts Musik verbinden, und er hat zudem das Gespür dafür, wie stark dieser Komponist seine Zeit empfunden und geprägt hat und bis heute nachwirkt. Da wird Hopes Entdeckungsreise gleichsam zu einer Reise durch die Musikgeschichte – und eine Erlebnisreise ist sie allemal!

Ihren Ausgang nimmt sie mit dem „Tanz der Furien“ und dem „Reigen seliger Geister“ bei Christoph Willibald Gluck und dessen bahnbrechender, 1762 in Wien uraufgeführter Oper „Orfeo ed Euridice“. Statt höfischer Zeremonie aufwühlende Dramatik und empfindsame Melodien. Das Violinkonzert G-Dur von Joseph Haydn, Ende der 1760er Jahre für den Ersten Geiger der berühmten Hofkapelle des Fürsten Esterházy entstanden, fasziniert durch Erhabenheit und Eleganz – es besitzt jene klassische Vollkommenheit, die auch der langsame Satz aus dem Violinkonzert D-Dur von Josef Myslivecek zeigt. Dieser böhmische Musiker erscheint hier ebenso als Überraschungsgast wie der deutsche Geiger, Impressario und Komponist Johann Peter Salomon, der sich mit einer bezaubernden Mozartnahen Romanze von 1818 vorstellt. Und Mozart selbst, das Genie ? Alles, was Hope als „etwas Überirdisches, Unberührbares, nahezu Unerreichtes und doch so Menschliches“ bewundert und verehrt, bringt er im Violinkonzert Nr. 3 G-Dur und im Adagio E-Dur herrlich zum Klingen - Werke, die Mozart während der 1770er Jahre in Salzburg komponiert hat und die nun im perfekten Zusammenspiel von Geige und Orchester den schönen Höhepunkt der Reise bilden. Den turbulenten Schlusspunkt setzt dann der „Türkische Marsch“ in Hopes Orchestergewand und mit allerhand Schlagzeugwirbel.

Die vielen musikalischen Verwandtschaften, die das sorgsam gestaltete Programm offenbart, lassen auch das neue, emanzipierte Lebensgefühl bürgerlicher Künstler und deren individuelles Umfeld nicht im Verborgenen. Die Musiker haben einander gekannt und geschätzt, sie waren befreundet und haben sogar miteinander gespeist -  zumindest Mozart und Gluck  ... So kann auch diese neue Einspielung mit erstaunlichen Erlebnissen und Entdeckungen überraschen. Und am Ende weiß man mal wieder:  Mozart ist immer eine Reise wert!

Daniel Hope & Zurich Chamber Orchestra, Journey to Mozart // Deutsche Grammophon/ Universal Music International, 1 CD 479 837 6