KUSPI-Blog

Zeugnis einer wunderbaren Freundschaft

Paavo Järvi hat mit dem Estnischen Festivalorchester großartige Werke von Erkki-Sven Tüür eingespielt. / Von Dr. Eberhard Kneipel
Paavo Järvihat hat mit dem Estnischen Festivalorchester großartige Werke von Erkki-Sven Tüür eingespielt. / Von Dr. Eberhard Kneipel

Musik muss alles haben – überwältigende Kraft, strahlendes Licht, endlose Sanftheit und tiefste Dunkelheit, Wut, Schmerz, Reue. Alles, was uns menschlich macht. Und die zarte Berührung erlösender Liebe.

Der 1959 geborene estnische Komponist Erkki-Sven Tüür mag Extreme und meistert Synthesen. Studiert hat er Schlagzeug und Flöte an der Musikschule und am Konservatorium in Tallinn (1970-80), wo er auch Kompositionsunterricht von Jaan Rääts und Lepo Sumera erhielt. In Karlsruhe vertiefte dann Tüür seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Elektronischen Musik, und 1979 hat er  das progressive Rock-Ensemble In Spe gegründet, dem er bis 1983 als Flötist, Schlagzeiger und Sänger angehörte und für das er viele originelle Stücke komponierte, die auch auf Schallplatten veröffentlicht worden sind. Seit 1992 schuf er als freischaffender Künstler zahlreiche Auftragswerke für renommierte Solisten, Ensembles und Institutionen. Sorgten zuvor Stücke für Rockgruppe allein (Sphärenschlacht; 1983) oder in Kombination mit Männerchor (Lumen et cantus; 1981) oder die Visionen von Barocktänzen für Blockflöten und Cembalo (1980) und die Zwei Ritual für Ensemble alter Musik und Synthesizer (1982) für Aufsehen und Anerkennung, so waren es nun auch die Sinfonien und die Orchester- und Kammermusikwerke mit ihren modernen Kompositionstechniken, ihren reihengebundenen Strukturen und ihren opulenten Klangfarben.

Die Sinfonie Nr. 9 Mythos entstand im Auftrag des Regierungsbüros von Estland anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Republik und wurde 2018 in Tallin und in Brüssel vom Estnische Festival-Orchester unter der Leitung von Paavo Järvi uraufgeführt. Freilich: Das einsätzige Werk lässt in seiner Struktur, seiner Form und seiner Dramaturgie alles traditionell Sinfonische hinter sich – diese "Neunte" ist kein Hymnus an die Feude und kein Abschiedsgesang wie bei Beethoven oder Mahler, doch auch Tüür will in seiner Musik eine komplexe und umfassende Welt erstehen lassen, die in ihrer Vielfalt zugleich auch ein Spiegel unserer Welt ist. Als Angelpunkt für die Suche und das Behaupten nationaler Identität begreift Tüür unter andrem die Wasservogel-Schöpfungsmythen der finno-ugrischen Stämme – urzeitliches Chaos, das dem Urknall vorausgeht. Und so beginnt der  lange, vielsträngige, an- und abschwellende Fluss der Musik aus dem Nichts, aus einer dunklen Wasserfläche vor der Schöpfung, der am Ende in hoffnungsvollen Horizonten entschwindet. Naturtöne wie Quarten und Quinten heben sich als Keimzellen aus dem Meer der Violinen heraus, Achsenklänge markieren Entwicklungspositionen des musikalischen Verlaufs, dem dann Mikro-Intervalle in den Blechbläsern eine neue Richtung weisen. Diese "Handlung" von Mythos ist ebensowenig eine Tondichtung oder musikalische Erzählung wie jene von Sow the Wind… - sie beruht auf ähnlichen Klangmustern, wellenartigen Verläufen und den Anwachsen der Böen zum Orkan. Und auch diese Transformationen fordern die Assoziationskraft der Hörer heraus. Das 2015 in Paris uraufgeführte Werk nimmt das Bibelwort "Denn sie säen Wind und ernten Sturm" zum Anlass, um mit seiner Musik für die beunruhigenden Probleme und irreversiblen Prozesse zu sensibilisieren, die Folgen des rücksichtslosen menschlichen Handelns sind. Das Orchester wird zu einer riesigen Maschine, die, vom Rock-Schlagzeug angetrieben, schließlich gegen eine unsichtbare Wand prallt und verschwindet.

Energisch und prägnant präsentiert sich The Incarnationof Tempest. Das wirkungsvolle "Encore-Stück" wurde 2015 durch die Bamberger Symphoniker in Bayreuth uraufgeführt und hat sich seither auch als Konzertouvertüre bewährt.

Für Tüür sind ist diese CD mit den Einspielungen des Estnischen Festivalorchesters, ein internationale besetztes Spitzen-Ensemble, das sich als Botschafter in der Welt und als Brückenbauer in der Region versteht, unter allen seinen vielen bisherigen Veröffentlichungen etwas ganz Besonderes. Und das auch deshalb, weil sie den 25. Jahrestag meiner intensiven kreativen Zusammenarbeit mit Paaco darstellt – obwohl es eigentlich schon 40 Jahre her ist, dass wir als Schüler der Tallinner Musikhochschule Freunde wurden.

Erkki-Sven Tüür: Mythos. Estonian Festival Orchestra, Leitung Paavo Järvi, Alpha Classics, Alpha 595


Herzerfrischend und herzergreifend

Das Oberton Streichoktett mit seinem neuen Album „Slawische Seele“ beim Label ARS
Oberton String Octet

OBERTON STRING OCTET /  Schostakovich,  Afanasyev, Glière // ARS / NO•TE,  1 SACD, ARS 38 305

Von Dr. Eberhard Kneipel   Erstaunlich: Alles ist ungewöhnlich und unbekannt,und wirkt doch bald sehr vertraut, und manche der beseelten Melodien erweist sich gar als Ohrwurm. Und da lässt sich alles in drei Worte fassen: Klangschön. Entdeckungsreich. Herzerwärmend - die Musik und die Komponisten, die Besetzung und die Interpreten: ein doppeltes Streichquartett.

Diese seltene Besetzung kennt man eher aus der doppelchörigen Renaissance-Musik oder von den Romantikern Louis Spohr und Joachim Raff  und einigen ihrer Zeitgenossen und Nachfahren. Sie fanden Freude daran, die Streichquartett-Gattung mit Klangfülle und Raumklang zu bereichern...

Solchen Raritäten hat sich das Oberton String Octet verschrieben, das 2015 auf Anhieb in seinem Heimatland Österreich Kult wurde und seither auch in der internationalen Musikszene für Furore sorgt. In wechselnden Konstellationen passen sich die acht jungen Musikerinnen und Musiker dieses vor Spielfreude sprühenden Kammerensembles mühelos den unterschiedlichsten Musikstilen an:  Streichquartetten der Klassik und Romantik verschaffen sie in verdoppelter Stärke eine nie gekannte Intensität und Wirkung. Als kleiner Streicherchor tragen sie geistliche Barockmusik vor. Und sie sind für einen heißen Tango und die unterhaltsamen Genres ebenso zu haben wie sie der Folklore vieler Länder zu Leibe rücken oder bei den Abenteuern der Moderne dabei sind. Und auf ihrer neuen CD „Slavic Soul“ bringen sie das, was der Titel ansagt, mit Hingabe und Virtuosität zum Ausdruck – die slawische Seele …

Die „Zwei Stücke für Streichoktett“ op. 11 hat Dmitri Schostakowitsch den Jahren 1924/25 komponiert. Das erste – Prelude – beginnt wie ein Choral und lässt schnell kontrastreiche Wechselspiele zwischen Eleganz und feiner Ironie, folgen um danach zu den Klängen des Beginns zurückzukehren. Das zweite – Scherzo – verlangt dann den Ausführenden alle Register ihres Könnens ab – sie brillieren mit einem atemlosen Höllenritt und schroffen Ausdruckswechseln: furios, flirrend, kaskadenhaft stürzend …  DiesesWerk ist der jugendliche Geniestreich eines Achtzehnjährigen auf dem Weg zur Königsdisziplindes Streichquartetts, die er um 15 bedeutende Beiträge bereichern wird.  Und im gleichen Zeitraum entstand auch seine fulminante  und vielversprechende 1. Sinfonie …

Vier Jahrzehnte zuvor hatte sich Nikolai Afanassjew zu den historischen Wurzeln der Gattung eines „Streichquartetts mal zwei“ begeben. Aber Afanassjew blieb mit seinem 1875 veröffentlichten Doppelquartett D-Dur der alten Gattung nicht nur treu, er hat ihr zudem das Prinzip des Concertos, des Dialogisierens zweier Gruppen, in eine schwelgerische Klangwelt eingepflanzt. Die vier Sätze nehmen durch eine meisterhafte Behandlung des Streicherklangs und den Rückgriff auf russische Volksweisen für sich ein, und raffinierte Echowirkungen sowie eine optimistisch beschwingte Grundstimmung prägen zudem dieses einfallsreiche und ausdrucksvolle Stück. Eine schöne  Wiederentdeckung!

Reinhold Glière, der hochgeachtete Lehrer einer ganzen Musikergeneration und ein vielseitiger, hierzulande kaum bekannter  Komponist, hat seinen Namen von deutschen Vorfahren geerbt, seine Tonsprache ist aber durch und durch russisch. Das Streichoktett D-Dur op. 5 entstand um 1900 und besticht durch eine wunderbare Synthese von herrlicher Melodik und meisterhaft gearbeiteter Textur. Dievielfältige Ausdruckswelt fasziniert durch energischen Schwung und lebendige Kontraste, durch loderndes Temperament und melancholische Versenkung.  Und vor allem hier, in dieser blühenden Farbenpracht, können die Streicherinnen und Streicher ein opulentes Ensemblespiel entfaltenund überdies mit solistischen Bravourleistungen glänzen. Schon das ist alles bewundernswürdig – doch ein attraktives Booklet und die exzellente Einspielung im Super-Audio-Format kommen noch hinzu ... Das Album - ein erstaunliches Erlebnis!

 


Höllenlärm und Himmelsmusik

Die Staatskapelle Weimar unter Kirill Karabits feiert ihren Hausgott Franz Liszt
Staatskapelle Weimar

Franz Liszt: Dante-Sinfonie; Tasso, Lamento e Trionfo; Künstlerfestzug / Kirill Karabits, Staatskapelle Weimar // audite, 1 CD97.760; 79:02 Min.

Von Dr. Eberhard Kneipel   Das Paradies wollte er komponieren, und eineMulti-Media-Show sollte es werden: Ankühnen Plänenhat es Franz Liszt nie gemangelt. Bei der Dante-Sinfoniescheitertensie. Doch schon,als der berühmte und umschwärmte Klaviervirtuose1848 in Weimar Hofkapellmeister wurde, beflügelte er die Kunstwelt mit seinen zukunftweisenden Ideen und romantischen Visionen. Als Dirigent trat erfür die progressivenZeitgenossen ein, fürWagner, Berlioz,Schumann…Und als Komponist „erfand“ er die einsätzigesinfonische Dichtung und bedachte die neue Gattung mit 13Beiträgen. Poesie,Dramatik, Natur, Malerei und Philosophieboten die Stoffe für diese Orchesterstücke, denenoftnur ein einziges Themazugrunde liegt. Die meisten von ihnen entstanden in Weimar – hier lagen Vorlagen und Anlässe in der Luft. Und für die Aufführungen hatte Liszt seine Kapelle, deren Nachfahren ihn nun wieder mit einer schönen CD feiern: Siezeigtvieles von dem, was das kreativeWeimarer Jahrzehnt hervorgebracht hat,und wir treffendabei sogar auf die Ersteinspielungdes„Künstlerfestzuges“ von 1859.  Zum 100. Geburtstag von Friedrich Schillerkomponiert,klingt hier auchdas Hauptthema der Tondichtung „Die Ideale“ (nach Schiller) an.

Schwerpunkt der opulenten Aufnahmen st die Sinfonie zu Dantes „DivinaCommedia“ – nach dem „Faust“ von Goethe war „Die göttliche Komödie“ das andere große Weltgedicht, dem Liszt eine Programm-Sinfonie gewidmet hat; sie schildert  den Wegdes Dichters durch die drei Bezirke des Jenseits: Hölle, Fegefeuer, Paradies … Diese fünfzig Minuten Musik bietenKirill Karabits und der Weimarischen Staatskapelle die großartiggenutzte Gelegenheit, Hochspannung zu erzeugen und Ausdrucksvielfalt zu demonstrieren. Der Dirigent ein Musikdramatiker und Klangmagier par excellence; das Orchester ein brillanterund hingebungsvollmitspielender Partner, dem sich im Finale Frauenstimmen des Opernchores und der Knabenchor der Jenaer Philharmonie hinzugesellen.

Im 1 Satz „Inferno“ beschwören Posaunen und Trompeten Grauen und Hoffnungslosigkeit in der „Stadt der Schmerzen“ herauf und lösen das infernalische Tosen aus: Raserei und Dissonanzen, grelle Schreie und furchterregende Seufzer. Dann eine berückende Liebesszene: das unglückselige, zu ewiger Buße verdammte Paar Paolo und Francesca da Rimini, deren innige Zuneigung allen Qualen trotzen will. Diabolisches Gelächter ist die Antwort, und der Höllenlärm kehrt wieder…

Ätherisch zart, fließend und weihevollbeginnt der 2. Satz „Purgatorio“ - am Ort der Verklärung und Verinnerlichung folgt einer Lamento-Fuge die Läuterung der Seelen. Immer heller und lichter werden die Töne, ein ferner Chor stimmt das „Magnificat“ an: Lobpreisen des Herrn, Rettung der Sünder und ein strahlendes „Halleluja“.

Liszt hatte einen grandiosen Schluss gewollt – wie in Beethovens „Neunter“. Wagner riet ihm ab, das Paradies sei nicht in Töne zu fassen, die Dichtung sei zuschwach, und Liszt entschied sich für das schlichtere „Magnificat“. Bei der Uraufführung am 7. November 1857 im Königlichen Schauspielhaus Dresden wollte dann der dirigierende Komponist die Dichtung und die Töne mit Gemälden von Buonaventura Genelli bebildern. Auch das blieb nur ein kühne Idee - das Gesamtkunstwerk realisierte dann ein anderer: Richard Wagner mit seinen Musikdramen.

„Tasso“, die sinfonischeDichtung Nr. 2, entstand zum 100. Geburtstag von Johann Wolfgang Goethe und erklang erstmals bei der Festaufführung des Stückes am 28. August 1849. Liszt stand im Weimarer Theater am Pult – und seine Absicht, „in Tönen die große Antithese des im Leben verkannten, im Tode aber von strahlender Glorie umgebenen Genius zu schildern“, hatte er mit größter Konsequenz und Anschaulichkeit verwirklicht. Ein Thema - derTrauergesang eines venezianischen Gondolieres in der Bassklarinette - und dessen Verwandlungengestaltendas Werk: Es führt von Klage und Aufbegehren über Trauer, Siegesgewissheit und nochmaliges Lamento hin zu Menuett-Grazie und Triumph-Trompeten. Wirkung stellt sich da wie von selbst ein. Insgesamt freilich sind die Interpreten mit großer Leidenschaft und Sorgfalt am Werk,und das Label audite tut das Seine, um diese zweite Liszt-Einspielung der Weimarer als Hochglanz-Aufnahme zu präsentieren. Eine feine Symbiose...

 

 


Neue CD von STERN MEISSEN erschienen

Stern Meissen CD Freiheit ist

FREIHEIT IST, das neue Album von STERN MEISSEN im Jahr 2020. Als eine der dienstältesten Rockbands Deutschlands tourt STERN MEISSEN nach wie vor regelmäßig durch die Lande und ist immer noch am aktuellen Weltgeschehen interessiert. Wie kaum einer anderen Band gelingt es ihr, die Tradition weiterzuführen und in neue Stücke und Werke einfließen zu lassen. Die Band hat sich über die Jahrzehnte immer wieder neu erfunden und Qualitätsstandards in Sound und Musik gesetzt. Man fühlt sich in die Artrockzeit der 70er Jahre zurückversetzt sowie in die poppigeren 80er Jahre. Auch eine neue Klassikadaption hat es auf dieses Album geschafft. Dabei scheuen sie nicht, auch moderne Musikelemente mit einfließen zu lassen. Dies ist nicht zuletzt dem jungen Frontmann und Keyboarder Manuel Schmid zu verdanken, der sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe angenommen hat. FREIHEIT IST behandelt große Themen dieser Welt und soll im Idealfall ein Impulsgeber sein, sich handgemachter Rockmusik zu widmen.

www.stern-combo-meissen.de


Bezaubernde Geschichte für Kinder

Comic Manufaktur in Gera zeichnet, textet, druckt und animiert auch Ihren individuellen Comic.
Regenbogentiger Comic Gera

Corona hat neben vielen Einschränkungen tatsächlich auch Gutes hervorgebracht: Zeit, um kreativ zu werden. Diese Erfahrung hat auch Lutz Piller (Gera) gemacht. Er fand endlich die Zeit, sagt er selbst, um die Idee zu einer Geschichte in Worte zu fassen. Herausgekommen ist nun "Regenbogentiger", eine Geschichte für Kinder (ab 3 Jahren, empfehle ich). Erzählt wird die Story von einem kleinen (namenlosen) weißen Tiger, der feststellt, wie bunt die Welt um ihn herum ist. Nur er ist offenbar der Einzige, der keine Farben hat. Und so wünscht er sich nichts sehnlicher, als auch so schön bunt zu sein! Ein Mädchen schließlich erfüllt ihm seinen Wunsch. Seine Farbenpracht allerdings ist nicht von Dauer ... Am Ende lautet die Botschaft: Du bist schön, genau so, wie du bist.

Zauberhaft illustriert wurde die kleine, herzerwärmende Story von Rainer Bartossek. Mit witzigem wie liebevollem Strich, so dass die detailfreudigen Zeichnungen immer wieder zum Entdecken einladen. Meine Empfehlung! (Dagmar Paczulla)

Lutz Piller über die Comic Manufaktur: "Unser Team produziert für Sie als Business- oder Privatkunden individuelle Handmade-Comics (von der Portrait-Karikatur über Cartoons bis zum Comic-Heft). Als Werbemittel und Merchandise, als besonderes Giveaway, privates Geschenk oder als außergewöhnliche Visitenkarte - unsere Comics werden zu jedem gewünschten Anlass garantiert nachhaltig beeindrucken. Unser Team besteht aus ambitionierten und professionellen Zeichnern, Karikaturisten, Grafikern, Textern und Videoproduzenten."

Mehr Infos unter: https://www.comic-manufaktur.de/


Musikland Thüringen

Eine Entdeckungsreise in über 70 Orte
Musikland Thüringen

Das erste Mozartdenkmal auf deutschem Boden? Das steht in Tiefurt in Thüringen.
Das erste Musikfestival in Deutschland? Das fand in Frankenhausen in Thüringen statt.

Das Musikland Thüringen liegt nicht nur in der Mitte Deutschlands, es ist auch eine klingende Herzkammer der europäischen Musikkultur – und dies in Vergangenheit und Gegenwart. Und Thüringen ist mehr als nur ein Bach-Land. Museen, Theater und Orchester, eine vielfältige und außerordentliche Orgellandschaft, eine lebendige Festivalkultur laden zu zahlreichen Entdeckungen vom 11. Jahrhundert bis in die heutige Zeit ein. Erstmals wird nun dieses reiche Erbe und diese lebendige Gegenwart in dem Kulturführer „Musikland Thüringen“ zusammengefasst. Herausgegeben haben den Band, passend zum aktuellen Themenjahr „Musikland Thüringen“, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen zusammen mit dem Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena und dem Thüringischen Landesmusikarchiv Weimar an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.
 
Auf mehr als 200 Seiten werden aus 74 Orten in ganz Thüringen über 240 Ereignisse, Personen, Institutionen und musikalische Highlights in knappen Einträgen beschrieben und zum Besuch empfohlen. Die Autorinnen und Autoren, allesamt Kennerinnen und Kenner der lokalen Musikkultur, präsentieren zahlreiche und vielfältige Entdeckungsmöglichkeiten. Neben den musikalischen Zentren Eisenach, Erfurt, Gotha, Jena, Meiningen und Weimar lenken sie den Blick u.a. nach Apolda (Glocken), Bedheim (Schwalbennestorgel), Nordhausen (Erfindung des Pianofortes), Merxleben (Ort des Taktläutens), Sondershausen (tiefste Konzerthalle Deutschlands) und Suhl (Geburtsort des Volkslieddichters Ernst Anschütz, Komponist des Liedes „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“).
 
„Wir wollen den Zugang zur Thüringer Musikkultur für jedermann ermöglichen“, begründet Gerhard Grandke, Präsident der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, das Engagement der Stiftung. Sieben Themenartikel bieten einen Überblick über Thüringer Besonderheiten, etwa die Orgel- und Orchesterlandschaft, die Musik zu Zeiten der DDR, aber auch die zahlreichen Musikfestivals im Freistaat. Darüber hinaus gibt es – abrufbar mit dem Smartphone via QR-Code – zahlreiche Musikbeispiele, die das Musikland Thüringen auch sinnlich erfahrbar werden lassen. Adressen, Kontaktmöglichkeiten und Hinweise zu Öffnungszeiten ergänzen den Serviceteil. Das Buch, das beim Verlag „Schnell & Steiner“ erschienen ist, ist ab sofort in jeder Buchhandlung erhältlich.
 
Weitere Informationen auf der Verlagswebsite:

https://www.schnell-und-steiner.de/artikel_10183.ahtml


Geheimtipp für Wanderer in Thüringen

Regionalführer „Weidatal im Vogtland“ von Mirko Köhler
Weidatal im Vogtland Regionalführer

DAS WEIDATAL

Im Thüringischen Vogtland wurden einst mit ersten Burgen, Kirchen und Klöstern die Grundsteine für das Land der Vögte gelegt. Entlang des Flüsschen Weida sind viele dieser sagenumwobenen Orte erhalten. Beeindruckend sind die Einblicke in die Geschichte der Region, mannigfaltig die Ausblicke in ein Ensemble von Sehenswürdigkeiten und Naturerlebnissen. Ein vortreffliches Terrain, um fernab ausgetretener Pfade Orte in einem geschichtsträchtigen Landstrich zu besuchen.

DER REGIONALFÜHRER ist für Urlauber gedacht, die sich länger als einen Tag in der Region aufhalten. Es sind (fast) alle Möglichkeiten aufgezeichnet, die man vor Ort bzw. im näheren Umkreis in der Freizeit nutzen kann. Der Regionalführer beinhaltet Informationen zu Landschaft und Geschichte, Beschreibungen der Freizeitmöglichkeiten, Wanderungen Ausflugstipps und die wichtigsten Telefonnummern. Die Wanderungen sind mit roter Linie in Ausschnitten aus einer Wanderkarte nachvollziehbar. Damit sich der Nutzer gut zurecht findet, sind Hintergrundinformationen in Kästen gesetzt, und bevor eine Wanderung beginnt, gibt es einen kurzen Überblick zu Wegelänge, Wanderzeit, Varianten und Besonderheiten. Außerdem erfährt man, ob man mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Strecke bewältigen kann. Die Wanderwegsmarkierungen in der Natur führen auch durch den Text. 

www.gruenes-herz.de


Trost in schwieriger Zeit

Neue CD des Philharmonischen Orchesters Altenburg Gera erschienen
Philharmonisches Orchester Altenburg Gera

Die Neuinterpretation zweier Hauptwerke des polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996) im Frühjahr 2019 am Theater Altenburg Gera sorgte für überregionales Aufsehen: Kay Kuntzes Inszenierung der Oper „Die Passagierin“ fand eine unerwartet große Publikumsresonanz und wurde für den Theaterpreis Der Faust nominiert. GMD Laurent Wagner dirigierte ergänzend dazu auch Weinbergs sechste Sinfonie op. 79 in der Reihe der Philharmonischen Konzerte. Das beeindruckende Konzert gemeinsam mit dem Konzertchor des Geraer Rutheneums wurde von Deutschlandfunk Kultur übertragen. Nun erscheint Weinbergs sechste Sinfonie beim Leipziger Label Klanglogo auf CD.
Wie in der Oper „Die Passagierin“, so arbeitet Weinberg auch in seiner sechsten Sinfonie seine traumatischen Erfahrungen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auf. Schmerzhaft waren bereits seine persönlichen Erfahrungen - dass er als junger Mann aus seiner Heimatstadt Warschau vor den Nationalsozialisten floh, rettete ihm das Leben, während seine gesamte Familie ermordet wurde, wie er Jahre später erfahren musste. Hintergrund der sechsten Sinfonie ist jedoch nicht sein persönlicher Verlust, sondern das Babi-Jar-Massaker von 1941, bei dem über 33.000 Juden aus Kiew, vor allem Frauen und Kinder, in der Babi-Jar-Schlucht erschossen wurden.  Gerade das Vergehen an unschuldigen Kindern, die eigentlich die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft sein sollten, bewegt Weinberg in dieser Sinfonie und so appelliert er an die Verantwortung nachfolgender Generationen für eine bessere Welt und sendet versöhnliche Botschaften. Durch drei in der Sinfonie vertonte Gedichte dreier sowjetischer Schriftsteller kommen Weinbergs Intentionen auch wörtlich zum Ausdruck.

Generalmusikdirektor Laurent Wagner verabschiedet sich u. a. mit dieser CD nach sieben Spielzeiten am Theater Altenburg Gera von seiner Wirkungsstätte. Hier hat er sich neben dem Kernrepertoire auch zahlreichen „Ausgrabungen“ gewidmet: z. B. die Oper „Rübezahl und der Sackpfeifer von Neiße“ von Hans Sommer, zwei Hebräische Kammeropern von Josef Tal und Michail Gnesin oder die Jubelkantate von Albert Lortzing – allesamt ebenfalls auf CD erschienen.

Mieczysław Weinberg (1919-1996): Sinfonie Nr. 6 für Knabenchor und Orchester op. 79, Philharmonisches Orchester Altenburg Gera, Konzertchor Rutheneum, Choreinstudierung Christian K. Frank, Dirigent GMD Laurent Wagner

Die CD ist zum Preis von 17,- € zzgl. 3,- € Versandgebühr derzeit ausschließlich erhältlich unter der Mailadresse kasse@theater-altenburg-gera.de bzw. telefonisch unter der Nummer 0365 8279105. Nach Wiederöffnung der Theaterkassen in Altenburg und Gera ist die CD auch dort zu erwerben.

Ab September 2020 erscheint die CD dann auch im regulären, weltweiten Handel.


Licht und Schatten der Provinz

Volker Müller (Greiz) legt neuen Roman vor
Volker Müller Greiz Buch Abschied von Sontamur
Volker Müller: Abschied von Sontamur, Roman, Engelsdorfer Verlag; Taschenbuch, 320 Seiten; Art.Nr.: 978-3-96145-930-8 - Externer Link zum E-Book

Ist es ratsam oder überhaupt zu verantworten, als Helden für einen Roman, der mehrere Epochen der Entwicklung eines Landes beleuchten will, einen Mann zu nehmen, der nichts weniger als blanker Durchschnitt ist? Als Wissenschaftler, Ehemann, Liebhaber, Zeitgenosse, Nachbar, Freund. Andererseits: Lässt sich ein besserer Held denken? Jener mittlere Typ schwebt schließlich nicht himmelhoch über uns, erschlägt uns nicht mit seinen Visionen und Heldentaten, lässt uns nicht vor Neid erstarren, macht uns nicht kleiner, als wir uns ohnehin schon fühlen. Nein, ihm können wir die Hand reichen. Und alles, was sich Gutes über ihn sagen lässt, könnte auch uns zukommen. Außerdem ist es nicht uninteressant, wie sich ein Nicht-Großer oder Nicht-Starker durchs Leben schlägt. Es kann sogar höchst spannend sein. Und dann gibt es ein Drittes zu bedenken: Alles fließt, nichts bleibt, wie es ist. Im Wechsel der Zeiten kann, was einmal als nicht gerade aufregend oder vorwärtsweisend galt, nach und nach geradezu atemberaubend an Statur gewinnen. Das alles wäre zu bedenken, bevor jemand den Stab bricht über Hans Berg, die Hauptfigur in Volker Müllers Dreiteiler „Abschied von Sontamur“, den einst intensiv mit Energiefragen befassten Physiker, der mit seiner Frau Julia nach Jahrzehnten der Hauptstadt Mantribur den Rücken kehrt, eines in den heimatlichen Bergen ererbten Hauses wegen ...

Volker Müller: Ich wollte keinesfalls ein Klagelied auf die Provinz schreiben. Die Auseinandersetzung des Helden mit Vergangenheit und Gegenwart soll etwas Packendes, vielleicht sogar Ermutigendes, Vorwärtsweisendes bekommen. Und die Provinzstadt Sontamur wird reichlich Licht und Schatten, bei aller kritischen Sicht der Dinge also auch manches Anziehende haben. Natur, Kunst, Musik, das sogenannte schwache Geschlecht – vornan Bergs reizvolle, lebenslustige Frau Julia – stehen von der künstlerischen Gewichtung her ebenbürtig neben den Zeitproblemen. Über das Ehepaar Berg begegnet der Leser einer Fülle von Menschen, Schicksalen, einprägsamen Konstellationen.

Der Autor: Volker Müller, geboren 1952 in Plauen, aufgewachsen in Hohndorf bei Elsterberg. 1970 Abitur in Greiz. Studium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt/Mühlhausen in der Fachrichtung Deutsch/Russisch. Nach drei Pflichtjahren im Schuldienst bis 1989 vorwiegend als Musiker tätig. Von 1990 bis 1996 Redakteur bei einer Tochterzeitung der „Frankenpost“. Seit 1998 freier Journalist und Autor.

Bücher über Bach, Fontane, Mozart, Tschechow, Schumann und die Greizer Literaturszene. Außerdem die Prosabände Das Galakonzert, Kormorane und Blondinenrettung, der Roman Corvette Menz, die Lyrikbände Einen Taubenflug groß ist meine Stadt und Vergessene Zentimeter, das gemeinsam mit Peter Zaumseil gestaltete Kunstbuch Lob der Bäume sowie der Stückeband Im wunderschönen Monat Mai und der Essayband Quartett für die Ewigkeit. Der 2008 erschienene Band Das Galakonzert kam 2018 unter dem neuen Titel Bäume malen im November in einer verbesserten Fassung heraus. Zwei Schriftstellerstipendien des Freistaats Thüringen. Vogtländischer Literaturpreis 2018.


Die Geschichte Thüringens aus zwei Perspektiven

Zum 100. Geburtstag des Freistaats Thüringen
Buch Ulf Annel Die unglaubliche Geschichte Thüringens

Der Freistaat Thüringen wurde im Mai 2020 100 Jahre alt. Doch Thüringen hat viel mehr Geschichte zu bieten als nur 100 Jahre. Anlässlich dieses bedeutenden Geburtstages hat Verleger Dr. Lutz Gebhardt, selbst gebürtiger Weimaraner, mit seinen Erfurter Autoren Ulf Annel und Dr. Steffen Raßloff beschlossen, zwei spezielle Bücher noch einmal bis in die Gegenwart zu aktualisieren und eines davon sogar erstmals in 5. Auflage herauszubringen.

Zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ulf Annels „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“ erschien erstmals 1996 unter dem Titel „Die unernste Geschichte Thüringens“ beim WeymannBauer Verlag und wurde dann 2011 vom Eulenspiegel Verlag unter dem Titel „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“ übernommen. Nun im RhinoVerlag erscheint die 5. aktualisierte Auflage in frischem Gewand mit einem überraschend neuen Ende und einem beinahe prophetischen Blick in die Thüringer Gegenwart. Alle fantastischen Illustrationen stammen aus der Feder Ioan Cozacus, eher bekannt als Nel. Ulf Annel gehört zum personellen Festbestand des Erfurter Kabaretts „Die Arche“, schreibt dort satirische Texte, die er auch selbst spielt und die auch von anderen Kabaretts gespielt werden. Darüber hinaus ist er Buchautor und Collagenschnippler, Kabarettregisseur und ein wacher Mensch mit ständig neuen Ideen.Und noch viel besser: „Die unglaubliche Geschichte Thüringens“ gibt es auch als Kabarett-Programm, als furiosen Historien-Surfkurs, besonders geeignet für Menschen, die gern Thüringen in den Grenzen von 530 wiedererstehen lassen wollen (Bayern und Niedersachsen protestierten schon). Aufführungen können über den Verlag und direkt beim Autor vereinbart werden - für Zeiten, wenn dies wieder gehen sollte.

Dem entgegen steht „Die kleine Geschichte Thüringens“ von Dr. Steffen Raßloff. Der 56. Band aus der Rhino Westentaschenbibliothek informiert präzise auf das Wichtigste fokussiert und reich illustriert und somit für ein breites Publikum aufbereitet die gesamte Geschichte Thüringens von den ersten steinzeitlichen Funden bis zur epochalen Ministerpräsidentenwahl 2020. Steffen Raßloff ist Historiker und beschäftigt sich seit annähernd 20 Jahren mit der Thüringischen Geschichte. Die meisten seiner Publikationen sind umfangreich, doch für die Rhino Westentaschenbibliothek hat er bereits einige Themen auf das Wesentliche zusammengefasst.

Während Raßloff Fakten aufbereitet und Geschichte umfassend erklärt, nimmt sich Annel die bestehenden Fakten und bastelt daraus eine Geschichte der Geschichte mit humoristischen Zügen. Der Geschichtswissenschaftler bestätigt dem Kabarettisten jedoch die historische Korrektheit und allein das lädt doch ein, zu einer witzigen Erzählung über Thüringens Geschichte zu greifen. Und um das Ganze noch einmal faktisch zu überprüfen und abzurunden, sollte die „Kleine Geschichte Thüringens“ nun wirklich in keinem Bücherregal in Thüringen fehlen.

Beide Männer sind Stammautoren der Verlagsgruppe grünes herz® und haben bereits mehrere Bücher im RhinoVerlag publiziert.

Ulf Annel: Die unglaubliche Geschichte Thüringens, Preis 14,96 Euro (D), 280 Seiten, Hartcovereinband, 32 Illustrationen von Nel, ISBN 978-3-95560-892-7

Steffen Raßloff: Kleine Geschichte Thüringens, Rhino Westentaschen- Bibliothek Band 56, Preis: 5,95 €, 96 Seiten; Format: 8 x 11,5 cm, Hardcovereinband, fadengebunden, mit Glanzfolie veredelt, 40 farbige Abbildungen, ISBN: 978-3-95560-056-3


Wir hoffen doch immer, dass Liebe gelingen kann.

Das Buch von Dr. Barbara von Bechtolsheim „Beziehungskünstler“ betrachtet auf unterhaltsame Weise 16 berühmte Künstlerpaare und zeigt, wie deren Beziehung Kunst hervorgebracht hat.
Beziehungskünstler Buch

Beziehungskünstler. Wie kreative Paare die Liebe meistern Dr. Barbara von Bechtolsheim Hardcover, 224 Seiten, 24,00 € (D) Zahlreiche s/w und Farbfotos, ISBN 978-3-86497-533-2 

Was war besonders beglückend und bereichernd in der Beziehung, etwa bei Rosa Lay und Neo Rauch, Joan Baez und Bob Dylan, Marilyn Monroe und Arthur Miller? Wie haben Ingeborg Bachmann und Paul Celan Rivalität und Berühmtheit, Alltag und Verlust in künstlerische Arbeit übersetzt? „Beziehungkünstler“ erzählt vom Mut zur Liebe und geht der Frage nach, wie uns diese Geschichten inspirieren können...

Die romantische Liebe, so wie sie uns in der Werbung präsentiert wird, entspricht kaum der Realität. Liebe, so Barbara von Bechtolsheim in ihrem neuen Buch „Beziehungskünstler“, liegt darin, „die Schönheit im Wesen des Anderen zu sehen und zu erspüren. Das bedeutet auch, keine Perfektion zu erwarten, sondern eine lebendige Beziehung“. Um sich dem vielschichtigen und teils flüchtigen, teils lebenslangen Weg der Liebe anzunähern, hat sie Künstlerpaare und -Beziehungen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart untersucht. Herausgekommen ist ein weises Buch voller Inspirationen und Überraschungen zum ältesten Gefühl der Welt.

16 Künstlerpaare aus den Bereichen Musik, Kunst und Literatur stellt die Autorin vor, darunter Ingeborg Bachmann und Paul Celan, Zelda und Scott Fitzgerald sowie Rosa Loy und Neo Rauch. Was kann man also von Künstlerpaaren wie Marilyn Monroe und Arthur Miller oder Joan Baez und Bob Dylan lernen? Dass Kreativität auch die Liebe beflügelt! Es ist ihr untrennbar miteinander verwobener Lebensweg, der neugierig macht auf ihre Beziehung, auf die Leidenschaften und Irrwege dieser Künstlerpaare. In ihren Beziehungen werden sie daher für Leser menschlich und man erhält einen Eindruck von Leben und Schaffen, aber auch Lieben und Leiden außerordentlicher Menschen.

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara von Bechtolsheim zeigt die Künstler in all ihrer Verletzlichkeit. „Unter diesem Eindruck habe ich auch gespürt, wie enorm viel Kraft und Inspiration von jedem Paar ausgeht, wenn man sich wirklich darauf einlässt“, so die Autorin. Paare, die gemeinsam in eine Richtung schauen, statt sich selbst permanent zu reflektieren, haben in der Liebe mehr Chancen, gehen kreativer mit der eigenen Beziehung um und finden Gemeinsamkeiten und Eingebung im Tun des anderen, sie wachsen miteinander und aneinander, so das Fazit der Autorin. Und so bietet „Beziehungskünstler“ nicht nur einen Einblick in menschliches und künstlerisches Miteinander, sondern regt dazu an, kreativ mit der eigenen Beziehung umzugehen und nicht zuletzt, Musik, Kunst und Literatur als verbindend in die Gemeinsamkeit hineinzuholen.

„… Anregungen für unsere eigene Liebesbeziehung“, so beschreibt Alain de Botton (The School of Life) dieses Buch in seinem Vorwort.

 


Räume für die Fantasie

Weimar: Hochschul-CD „Diversity“ präsentiert neue Songs aus dem Bereich Jazz und Improvisierter Gesang
HfM Weimar CD Diversity

Der englische Begriff „Diversity“ wird meist mit „Vielfalt“ übersetzt – ist jedoch noch viel weitreichender: Er bezeichnet den wertschätzenden, bewussten und respektvollen Umgang mit Verschiedenheit und Individualität in unserer Gesellschaft. Die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar versteht ihre Internationalität auch als ein Bekenntnis zur Vielfalt. Und so ist es naheliegend, dass die neue Hochschul-CD aus dem Bereich Jazz und Improvisierter Gesang den Titel „Diversity“ trägt. Auf der vom Tonstudio der Hochschule nach aktuellen Standards der Studiotechnik produzierten CD versammeln sich acht Songs, die unter der Federführung der Professoren für Improvisierten Gesang, Jeff Cascaro und Michael Schiefel, entstanden sind. „Es sind Songs voller Leichtigkeit und Ironie, verträumt oder eindringlich voller Soul“, erklärt der Weimarer Professor für die Geschichte des Jazz und der populären Musik, Martin Pfleiderer. „Melancholischer Folk, nur vom Klavier begleitet oder a cappella aufgefächert, steht neben surrealen Gesangsimprovisationen, die der Fantasie neue Räume eröffnen.“

Die Songs tragen poetische Titel wie „Utopia“, „Dream“ oder „Sunflower Blues“, andere heißen „Attraction of the unknown“ oder „When I fall in love“. Ergänzt werden sie um das Instrumentalstück „Spiekeroog“ für Gitarre, Trompete, Synthesizer, Schlagzeug und Bass. Das Schlussstück der CD ist das traditionelle slowakische Lied „Rosu dejte, o nebesa“ in einem Arrangement von Winnie Brückner: Es singt das Vokalensemble Euphonics der Weimarer Musikhochschule.

„Wir erleben auf dieser CD eine Vielfalt der Stimmen und Stimmungen, Themen und Musikgenres, vokalen Ausdrucksweisen und Gefühle“, so Prof. Pfleiderer. „Sie ist ein Zeugnis der musikalischen Imaginationskraft und des erstaunlichen künstlerischen Selbstvertrauens der jungen Musikerinnen und Musiker.“


MÜNCHHAUSEN - Die neuen Abenteuer des Barons

Erschienen im Verlag "Edition Roter Drache"
Münchhausen. Die neuen Abenteuer des Barons

Kai von Kindleben: Münchhausen - Die neuen Abenteuer des Barons, 288 Seiten, 17 x 24 cm, 62 farbige Illustrationen, Hardcover ISBN 978-3-946425-99-1 20.00 EUR | 20.60 EUR (AT)

Freiherr Hieronymus Carl Friedrich Baron von Münchhausen, weltbekannt als der Lügenbaron, wurde 1720 in Bodenwerder geboren. Mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2020, zu seinem 300sten Geburtstag, ist es an der Zeit, den Aristokraten, Soldaten, Advokaten, Weltreisenden, Frauenhelden und vor allem den vortrefflichen Geschichtenerzähler wieder zu Wort kommen zu lassen. Begeben wir uns also gemeinsam mit ihm in den großen Salon seines Herrenhauses. Erfahren wir aus seinem Munde, welche Vielzahl an Merkwürdigkeiten ihm im Leben widerfuhren.

Beginnend auf den Schlachtfeldern des großen Türkenkrieges in Russland, den unser Münchhausen als junger Mann miterlebte, über eine zwei Jahre dauernde Weltumsegelung bis hin zu abenteuerlichen Anekdoten aus der Heimat bietet dieser neue Münchhausen alles auf, was möglich ist, und zusätzlich noch das Unmögliche.

Die beliebten Münchhausiaden von Raspe und Bürger in Erinnerung, erzählt dieser Baron viel Neues und bildhafter als je zuvor. Dieser Münchhausen möchte die früheren Autoren nicht Lügen strafen, lässt aber sein Leben sowie auch die altbekannten Histörchen in einem völlig neuen Licht erscheinen. Amüsant, spannend, spektakulär, reizvoll, gruselig, rätselhaft und nachdenklich wartet dieser neue Münchhausen mit einigen Überraschungen auf. - Nie war Münchhausen realer – im abenteuerlichen Russland, auf Weltreise zur See, aber auch mit Witz und Tücke in seiner deutschen Heimat.

Der Autor: Der Maler, Zeichner, Autor, Fotograf und Mitgründer der Agentur KreativWerkstatt Kai von Kindleben veröffentlichte 1996 sein erstes Comicalbum. Seither erschienen neben seinen Cartoons (u.a. beim Erfurter Satire-Magazin UNNU?) diverse von ihm illustrierte Bücher der Autoren Ulf Annel, Kurt Kauter und Andreas M. Cramer. Er blickt auf erfolgreiche Ausstellungen seiner Zeichnungen und Gemälde zurück und führt seit 2009 auch Regie bei Theater- und Bühnenaufführungen, u.a beim bekannten „Dinner auf Goth’sch“. Seine erste Veröffentlichung für die er auch als Autor verantwortlich zeichnet, erschien 2018 als Buch im Sutton-Verlag unter dem Titel "Stülpner Karl - Der Robin Hood des Erzgebirges".

 

 


Ein neuer Star-Tenor

Benjamin Bernheim und sein Debüt-Album bei der Deutschen Grammophon / Von Dr. Eberhard Kneipel
Benjamin Bernheim CD

Gerade mal 34 Jahre ist er alt und gilt schon als einer der angesagtesten Sänger seiner Generation.  An den großen Opernhäusern der Welt hat er bereits eine zweite Heimat gefunden und zieht da das Publikum mit ausgereifter Stimmkunst, mit sinnlicher Präsenz und seinem sympathischen Naturell in Bann. 2019 hat dann die Deutsche Grammophon den lyrischen Tenor aus Frankreich unter ihre Fittiche genommen, und Benjamin Bernheim hat sich prompt für den exklusiven Vertrag mit einem vielversprechenden Debüt-Album revanchiert. Es anzuhören, ist eine wahre Freude! 

„Die Partnerschaft mit dem historischen Label Deutsche Grammophon ist eine riesige Ehre für mich und eine sehr große Verantwortung. Sie treibt mich dazu an, auf dem absolut höchsten Level zusingen – das ist ein immenser Ansporn“, so Bernheim. 

1985 in Paris geboren, war der Sänger nach seinem Studium in Lausanne Mitglied im renommierten Internationalen Opernstudio an der Oper Zürich. Seither ist Bernheim als einer der begehrtesten Tenöre im lyrischen Fach und gastiert unter anderem an der Mailänder Scala, der Berliner und Wiener Staatsoper, am Royal Opera House und bei den Salzburger Festspielen. Überall fasziniert er mit seiner außergewöhnlichen Begabung. Und die beweist er auch in den großen Tenor-Partien seines Debüt-Albums: Italienischer, russischer und französischer Arien-Zauber verbindet sich da mit einer imponierenden Vielfalt an stimmlichen Nuancierungen und musikalischem Ausdruck. Da hören wir die berühmte und anrührende Arie des Lenski aus „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowski mit der Bernheim große Erfolge an der Deutschen Oper in Berlin feierte, oder auch die Arie „Tombe degli avi miei“ aus „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti. Außerdem ist Bernheim als Rodolfo in Giacomo Puccinis „La Bohème“ zu erleben - für ihn „eine extrem traditionsreiche Rolle“ und zudem „eine große und reizvolle Herausforderung“, seine ganz eigene Version zu finden. Besonders am Herzen liegt dem Künstler das Repertoire seiner Heimat, das mit berühmten Arien aus „Werther“ und „Manon“ von Jules Massenet, oder auch aus „Roméo et Juliette“ und „Faust“ von Charles Gounod auf dem Album repräsentiert wird. „Das französische Repertoire erfordert eine extrem große Klarheit des Textes und der Intention dahinter“, sagt Bernheim. „Es ist so viel Poesie in diesen Stücken und es gibt hier ungemein viel zu entdecken. All das möchte ich in meinen Interpretationen herausarbeiten. Hier kann ich 150 Prozent geben und alle Facetten meiner Stimme zeigen.“  Für solche sängerische Hingabe und Virtuosität sind die Prager Philharmoniker und der Dirigent Emmanuel Villaume ideale Partner und Mitgestalter. Einfühlsam und  umsichtig, mit Kunst und Leidenschaft betten sie dem Gesang in beeindruckende Orte und Räume ein: Friedhof und Festsaal, Künstlermansarde und Balkon-Szene -   und sie tragen so dazu bei,  die Schwärmerei und das Glück, die Sehnsüchte und die Hoffnungen, die Not und die Verzweiflung der Protagonisten mit schönstem Stimm- und Stimmungszauber  auszuleuchten. Also kommt nicht nur helle Freude beim Hören auf – schnell stellt sich auch die Erwartung ein, dass dem vielversprechenden Debüt bald der nächste große Auftritt bei der Deutschen  Grammophon folgen möge ..  Die CD macht süchtig!

Benjamin Bernheim / Prague Philharmonia, Emmanuel Villaume // Deutsche Grammophon, 1 CD 483 6078


Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen

The Road to Somewhere – der Bestseller erstmals in aktualisierter deutscher Ausgabe
David Goodhart

The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen. Paperback: ISBN: 978-3-96706-018-8, ca. 340 S., 24,95 €,  Lieferbar auch:
Gebunden m. Schutzumschl.: ISBN 978-3-946014-80-5, 39,95 €, eBook: ISBN 978-3-96706-020-1, 19,99 €

Dieses Buch ist notwendiger denn je, wenn wir nach dem Covid-19-Schock umdenken und eine neue, bessere Gesellschaft schaffen wollen. Nicht nur als Deutsche, sondern als Europäer. - In ihm entführt uns David Goodhart in die Welt, die wir vor der Corona-Krise kannten. In die Welt, von der wir glaubten, dass Globalisierung und Wirtschaftsliberalismus weiter fröhlich nebeneinander existieren könnten bis ans Ende aller Tage. Doch der Schein trog. Längst hatten sich die westlichen Gesellschaften in zwei politische Lager geteilt, deren verbissenes Ringen weltweit zu populistischen Gegenschlägen führte, von denen Trump, der Brexit oder die AFD die sichtbarsten sind. David Goodhart führt uns in zwei Lager: Das der global und mobil denkenden Anywheres, die zwei Jahrzehnte die politische Agenda bestimmten. Und das der verwurzelt in Begriffen wie Familie, Heimat und Nation denkenden Somewheres. Während die Krise schonungslos den Kritikern von Hyper Mobilität und Just-in-time recht zu geben scheint, plädiert Goodhart dafür, dass es nur einen Weg gibt, um umzudenken: Indem wir endlich die Kluft zwischen Somewheres und Anywheres schließen. Der Populismus, so schreibt David Goodhart, „ist auch sehr modern: Seit dem Ende des real existierenden Sozialismus ist er das politische Instrument der weniger Erfolgreichen in den im historischen Vergleich immer noch extrem reichen und blühenden Gesellschaften, um die Erfolgreichen, die Bildungseliten, zu bändigen und auf den Boden zurückzubringen.“
Goodharts Thesen sind so schlüssig wie unbequem: Es muss Schluss sein mit der Dominanz der Anywheres. Wir müssen auch auf die vernünftigen Somewheres achten. Wir müssen die betriebliche Ausbildung im Ansehen der universitären gleichstellen. Frauenquote in Führungspositionen als politisches Programm ist Unsinn. Wir müssen den
Frauen, die sich für die Familie entscheiden, ebenso viel Achtung entgegenbringen wie den Frauen, die sich für die Karriere entscheiden. Wir müssen die Unternehmen zwingen, zunächst die eigenen Leute wieder anzustellen (vor allem die Jugendlichen) statt auf ein Heer von Osteuropäern zurückzugreifen. Migration muss auf ein vernünftiges Maß begrenzt werden. Denn Firmen haben zuviel Hunger nach kompetenten Arbeitskräften mit niedriger Lohnerwartung – das hat die Schieflage erst verursacht.
„Letztlich inspiriert nichts die Intoleranten zu mehr Toleranz als ein Überfluss an gemeinsamen und einigenden Überzeugungen, Ritualen, Institutionen und Vorgehensweisen“, so David Goodhart.

Der Autor: David Goodhart: Nach dem Eton-College studierte David Goodhart Politik an der York University. Er begann seine journalistische Karriere bei der Yorkshire Evening Post und wechselte im Anschluss zur Financial Times, für die er zwölf Jahre lang in den Ressorts Wirtschaft und Politik arbeitete. Von 1988 bis 1991 war er Deutschland-Korrespondent und gründete 1995 das politische Magazin Prospect. Er arbeitet für BBC Radio, The Guardian, The Indipendent, Times und Financial Times. Seine Werke The British Dream und The Road to Somewhere wurden internationale Bestseller.



Liebeslust und Liebesfrust – alles nur ein Spiel?

Diana Damrau und Jonas Kaufmann singen Hugo Wolfs „Italienisches Liederbuch“ / Von Dr. Eberhard Kneipel
Diana Damrau Jonas Kaufmann Italienisches Liederbuch

Ein Operngenie wäre er gern gewesen; der letzte große Liederkomponist des 19. Jahrhunderts ist er geworden – ein Großmeister der kleinen Form. Und wenn er die schönen Verse „Auch kleine Dinge können uns entzücken,/ auch kleine Dinge können teuer sein./ Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken;/ sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.“  an den Anfang seines „Italienischen Liederbuches“ stellt, so können sie sowohl als Motto dieser wunderbaren Miniaturensammlung als auch als Essenz eines ganzen Künstlerlebens gelten. Doch Hugo Wolf, 1860 in Windischgrätz geboren und 1903 bei Wien in geistiger Umnachtung gestorben, war so glücklich nicht, wie manche seiner Melodien klingen - sein Schaffen fand bei den Zeitgenossen selten jene Resonanz, die es verdient hätte. Das ist auch bei seinem letzten großen Meisterwerk nicht anders, dem „Italienischen Liderbuch“ (1891/92). Diese 46 Gesänge - Florentiner Volksdichtung von Paul Heyse poesievoll in deutsche Verse übertragen - sind jene kleinen Kostbarkeiten, die immer neu „entzücken“ – vor allem mit solchen Interpreten, wie sie das Label Erato im Live-Mitschnitt aus dem Alfred-Krupp-Saal der Philharmonie Essen präsentiert. Sie sorgen für schönsten Perlenglanz ...

Diana Damrau und Jonas Kaufmann sind die deutschen Superstars der internationalen Opernszene, und ihre Auftritte auf den großen Bühnen der Welt begeistern Millionen - ihre Kunst umfasst aber auch die intimen Momente des Liedes, Beide singen nun gemeinsam Hugo Wolfs romantischen Liderzyklus und finden an der Seite ihres großen Klavierpartners Helmut Deutsch ihre ganz individuelle Interpretation: Die fast vier Dutzend Momentaufnahmen von vielen Facetten der Liebe werden zum Zwei-Personen-Drama. Schwärmerei, zärtliche Annäherung, Verführung, Misstrauen, Eifersucht, Streit, Verzeihung, Beschimpfung, Kränkung und erneute Versöhnung: Schier unendlich sind die Spielarten der Liebe. Hinreißend ist es, wie der poetische Reichtum in den beiden Stimmen widerklingt. Ein klarer, anmutiger und inniger Sopran, dem Koketterie und Übermut, Zorn und Spott nicht fremd sind. Ein schwärmerischer Tenor, dessen wunderbar beseeltes Timbre eine ganze Welt an Gefühlen einfängt und in sich trägt. Und am amüsierten Gemurmel und Lachen des Publikums merkt man, dass der Pianist nicht nur perfekt bei seiner Sache ist, sondern auf eigene Weise auch zur Szenerie auf der Liederbühne beiträgt. Die Liebes-, Spott- und Streit-Dialoge gestalten Damrau und Kaufmann ideenreich als wirkungsvollen Handlungsablauf: Ihre Neugruppierung der Lieder schafft größere Bögen, macht einzelne, höchst intensive Momente zu ganzen Szenen und legt eine nie dagewesene Dramatik frei. Elegant und  voller Vitalität! Die drei Künstler machen den Witz, den Pointenreichtum, die Ironie und den expressiven Gehalt dieser Lieder von Hugo Wolf zu einem beglückenden Erlebnis: Die kleinen Dinge entzücken über alle Maßen! Und Hugo Wolf hat dann doch noch eine große Oper komponiert: „Der Corregidor“. Sie wurde 1896 erfolgreich in Mannheim uraufgeführt; die Wiener Hofoper hatte kein Interesse gezeigt ...

Hugo Wolf, Italienisches Liederbuch / Diana Damrau, Sopran; Jonas Kaufmann, Tenor; Helmut Deutsch, Klavier // Warner Classics/ Erato, CD 0190295658683; TT 76:34


Steffen Schulze und Principal Verlag betreten Neuland

Steffen Schulze Fahnenflucht Buchneuerscheinung

Normalerweise gehen klassische Verlage und Selfpublisher streng getrennte Wege. Der Principal Verlag aus Münster und der Eisenacher Autor Steffen Schulze haben nun beschlossen, Neuland zu betreten. „Als Verlag unterliegen wir mit unseren Veröffentlichungen der Buchpreisbindung, können von vielen Kunden geforderte Rabatt- oder Gratisaktionen nicht durchführen. Selfpublisher, die ihre Werke bei nur einem Händler anbieten, können hier freier reagieren“, sagt Dr. Schwenk, Inhaber des Principal Verlags. „Auch sind Autoren, die ihre Werke selbst veröffentlichen, in der Preisgestaltung freier, da sie im Normalfall keine Geschäftsorganisation zu tragen haben.“

 Mit der ersten Kurzgeschichte um den Erfurter Militärpolizisten Pepe S. Fuchs startet jetzt ein Experiment, in dem der klassische Principal Verlag die Qualitätssicherung, das Lektorieren, übernimmt und Steffen Schulze für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. „Die Geschichte „Fahnenflucht“ enthält alle Elemente der bisherigen Pepe-Abenteuer („Feldjäger“, „Mumienjäger“, „Panzerjäger“ und „Hexenjäger“), nur in komprimierter Form“, sagt Schulze. „Der Leser kann so in das Pepe-Universum hineinschnuppern.“ 

Zum Inhalt: 

„Ich knalle jeden Einzelnen ab!“ Dieser Satz aus dem Mund eines fahnenflüchtigen Scharfschützen der Bundeswehr versetzt den Militärpolizisten Pepe S. Fuchs in helle Aufregung. Kann er den Soldaten aufspüren, bevor der Hauptgefreite seine Drohung in die Tat umsetzt? Und welche Rolle spielt die geheimnisvolle Lola in dem sich anbahnenden Drama? Oberfeldwebel Pepe S. Fuchs muss erneut zu Höchstform auflaufen, um mit vollem Körpereinsatz ein Blutbad zu verhindern. - Die Kurzgeschichte „Fahnenflucht“ ist ab sofort online als Ebook erhältlich. Nichtsdestotrotz laufen die Vorbereitungen für die Veröffentlichung des fünften, „großen“ Krimis bereits auf Hochtouren. „Fans der Reihe können sich ab dem Sommer auf ein Wiedersehen mit den altbekannten Figuren freuen“, verrät Schulze. 

Aktuelle Infos: www.tansaku.de und unter www.facebook.com/Schulze.Eisenach/

Fotos: oben Quelle: Diana Schulze / Quelle: Steffen Schulze


Beherzte Bekenntnisse – fesselnde Eindrücke

Patricia Kopatchinskajas neues Album „Time & Eternity“ bei Alpha Classics / Von Dr. Eberhard Kneipel
Patricia Kopatchinskaja Time & Eternity

„Time & Eternity“ – der Titel ist Programm! Nicht, dass die Aufführung eine Ewigkeit währte und die Zeit stehen bliebe. Das auch. Und ist gewollt! Denn „diese Musik ist aus dem Blut und den Tränen gequälter Seelen entstanden; einem unterdrückten Schrei, murmelnden Stimmen in der Stille größter Angst, Kriegslärm in einer improvisierten Kadenz ... Sie handelt von unserer Vergangenheit und unserer Zukunft.“ 

Die Worte mögen pathetisch klingen, das Thema Ewigkeit und Endlichkeit aber verlangt Haltung, fordert Innehalten, Nachenken, Einsicht, Engagement. Und da erweist sich die phänomenale Patricia Kopatchinskaja mit bravouröser Technik, sensibler Ausdruckskunst und ungewöhnlichen Programmideen wieder einmal als Ausnahme-Künstlerin: Für ihr neues Konzept-Album setzt sie auf die vorzügliche Camerata Bern als Partner, und ihre  Werkauswahl spannt einen weiten Bogen über 600 Jahre Musikgeschichte: Zeit und Ewigkeit aus immer anderen Perspektiven. 

Ein jüdischer Kantor, ein polnischer Prediger und ein russisch-orthodoxer Priester tragen Gebete vor – Worte der Versöhnung, der Vergebung, der Hoffnung. Ein  Chor singt das Revolutionslied „Unsterbliche Opfer“, das der Toten des Petersburger Blutsonntags von 1905 gedenkt, und danach die anrührende Weise „Zwei Herzen“. Streichorchesterfassungen des Kyrie aus der Messe de Nostre Dame des Mittelalter-Komponisten Guillaume de Machaut und von Chorälen aus Kantaten und Passionen von Johann Sebastian Bach werden beziehungsvoll in die Musikfolge eingefügt, deren moderne Endpunkt sind die Stücke „Kol Nidre“ von John Zorn und „Crux“ von Lubos Fiser.        

Im Zentrum aber stehen zwei große Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts. Der Münchener Komponist Karl Amadeus Hartmann (1905-1963), der sich in den Jahren des Hitler-Faschismus „der inneren Emigration in Deutschland zugehörig“ fühlte, schrieb sein Konzert für Solo-Violine und Streichorchester „Musik der Trauer“ in den ersten Kriegsmonaten 1939 und legte 1959 eine revidierte Fassung als Concerto funèbre vor. Die Entstehungszeit und die  Haltung der Musik machen die Distanz ihres Schöpfers zum allgemeinen Kriegsrummel offensichtlich: Aufgewühlte und aufbegehrende schnelle Mittelsätze mit Trauermarsch-Intonationen und einem jüdischen Lied-Zitat werden von zwei Chorälen umrahmt: Zu Beginn die trotzige Hussiten-Melodie „Die ihr die Streiter Gottes seid“. am Ende das Lied „Unsterbliche Opfer“ als langsamer Marsch … Deutlicher konnte sich Hartmann wohl kaum zu den Kämpfern gegen die Gewaltherrschaft und „für kommendes Recht“ bekennen. Das hat er auch mit anderen Stücken bewiesen, und so war er auch folgerichtig 1961 am Gemeinschaftswerk „Jüdische Chronik“ von Boris Blacher und Hans Werner Henze und den DDR-Komponisten Paul Dessau und Rudolf Wagner Régeny beteiligt. 

Der Schweizer Frank Martin (1890-1974) schrieb das Konzert „Polyptyque“ kurz vor seinem Tod für den weltberühmten jüdischen Geiger Yehudin Menuhin. Inspiriert wurde die Musik durch sechs Bilder aus der Passionsgeschichte, die Duccio di Buonisegna 1308 - 1311 im byzantinischen Stil für den berühmten Altar „Maestà“ in Siena gemalt hat und die auch im attraktiven CD-Booklet zu sehen sind. Das Geschehen zwischen Palmsonntag und Auferstehung klingt in vielfarbigen und eindringliche Tongemälde wieder: prächtig und jubelnd, tobend und grausam, kontemplativ und verzweifelt, am Ende glorios. 

Dem Hörer macht es die Fülle des Programms nicht ganz leicht, doch er wird erlebnisreich belohnt: Ausdrucksstarke, bildhafte Musik. Eine bewundernswerte engagierte Geigerin. Ein Auftritt, der sich von der Routine und dem Blendwerk des Kulturbetriebes wohltuend unterscheidet. Am besten man zündet eine Kerze an, schiebt die Platte in den Player und verinnerlicht eine zeitlang die Ewigkeit ...Das erhellt nicht nur trübe November-Tage!

Time & Eternity / Patricia Kopatchinskaja, Camerata Bern // Alpha Classics / Outhere Music, 1 CD Alpha 545, Laufzeit 77 Min.


Thüringens finstere Geheimnisse

»Jägerstein«: Thüringer Filmregisseur Rolf Sakulowski veröffentlicht neuen Kriminalroman
Jägerstein Buch Rolf Sakulowski

Rolf Sakulowski: Jägerstein, Thüringen Krimi, Broschur, Köln: Emons Verlag 2020, Originalausgabe, ISBN 978-3-7408-0817-4, 448 Seiten, € [D] 14,00 € [A] 14,40. Auch als E-Book erhältlich

Im Thüringer Wald wird ein Erfurter Investor Opfer eines Heckenschützen. Als sich herausstellt, dass die tödliche Kugel aus dem Blei eines gestohlenen Kirchenkreuzes gegossen wurde, ist der junge Historiker Jonas Wiesenburg gefragt. Denn die Indizien erinnern an die jahrhundertealte Legende von den sogenannten Freikugeln, die um Mitternacht im Pakt mit dem Teufel gegossen werden und die ihr Ziel niemals verfehlen. Doch die Zeit drängt: Der Täter schlägt erneut zu, und schnell wird klar, dass niemand
vor ihm sicher ist …

Ein alter Aberglaube, ein junger Historiker und ein geheimnisvoller Schütze, der immer sein Ziel trifft
Mit »Das Feengrottengeheimnis« und »Die Gloriosa-Verschwörung« hat der gebürtige Thüringer Filmregisseur Rolf Sakulwoski bereits zwei beeindruckende Kriminalromane veröffentlicht, in denen er gezeigt hat, wie spannend die Kombination von regionaler Historie, lokalen Legenden und Fiktion sein kann. In »Jägerstein« bekommt es sein Protagonist Jonas Wiesenburg, nun mit einem besonders kniffeligen Fall zu tun. Weil das Rätsel um die grausamen Taten in der Gegenwart alleine nicht gelöst werden kann, führen ihn die Ermittlungen erneut tief in die Vergangenheit des Landes. Dabei spielt der Glaube an die sagenumwobenen Freikugeln aus dem 17. Jahrhundert eine zentrale Rolle, die niemals ihr Ziel verfehlen. Sakulowski gelingt es eindrucksvoll die historischen Motive und Versatzstücke in die Jetztzeit zu transponieren und mit einem packenden Krimiplot zu verweben. Auf 448 Seiten entfaltet sein Roman eine faszinierend vielschichtige und mitreißende Handlung, die tief in die Region eingebunden ist. Unterhaltsam und bildgewaltig gibt das Buch der alten Legende einen neuen literarischen Rahmen und erzählt gleichzeitig einen packenden Krimi mit Tiefgang.

Nach einer Assistenzzeit im ehemaligen DEFA-Studio für Dokumentarfilme studierte Rolf Sakulowski an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 20 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention.



Zirkus auf der Seebühne

„Rigoletto“ - das Highlight der Bregenzer Festspiele 2019 / Von Dr. Eberhard Kneipel
Rigoletto Bergenzer Festspiele 2019

Der Einfall ist krass: Manege anstelle von Mantua. Zirkusdirektor statt Herzog. Affen als Hofgesellschaft. Und der Hofnarr ein Clown. Aber es passt. Denn was sich auf der Bühne abspielt, ist virtuos, lässt staunen und begeistert dann doch. Und ein Gesangsfest wird es allemal!

Für Philipp Stölzl erfüllte sich mit dem diesjährigen Festival ein langgehegter Traum - er konnte nun als Regisseur und Bühnenbildner alles daransetzten und nutzen, um Giuseppe Verdis populäres Meisterwerk „Rigoletto“ als außergewöhnliches Seebühnen-Event zu präsentieren. Im riesigen Bild-Format schärft  er die Kontraste zwischen Spektakel und Kammerspiel und vermag so, das zirkushafte Festgetümmel, die waghalsige Entführungsszene und die dämonische Sturmnacht wirkungsmächtig den innigen Begegnungen zwischen Vater und Tochter und zwischen Gilda und dem Herzog gegenüber zu stellen. Und dafür bietet ihm nicht nur die idyllische Landschaft am Bodensee die ultimative Kulisse – auch die unglaublichen technischen und konstruktiven Möglichkeiten der Seebühne lassen die gewagtesten Ideen Wirklichkeit werden.

Stölzls Bühnenbild wird von einem gigantischen 14 Meter hohen und 190 Tonnen schweren Kopf dominiert, der mittels aufwendigster Technik in allen Details beweglich und bespielbar ist und der im Zusammenspiel mit einer riesigen Hand faszinierend subtil Stimmungen und Gefühle auszudrücken vermag. Der Clownskopf – mal rot glühend, mal fahl, am Ende leichenblass und verfallen, Augen und Mund das Aussehen ständig ändernd   – symbolisiert die tragische Titelfigur. Die lockende und fordernde Hand weist auf die Intrigen-, Macht- und Liebesspiele des Herzogs. Und im großen Fesselballon wähnt sich Gilda auf der Fahrt ins Glück, bis ihr die gruselige Szenerie in der Kaschemme des Mörders Sparafucile, wo der Herzog die Tänzerin Maddalena verführen will, die Augen öffnet, nicht aber ihre Liebe tötet. Sie opfert sich für den Treulosen und erliegt dem Racheplan ihres Vaters selbst …

Diese Bühnen-Show verlangt den vielen Darstellern – Solisten wie Chor – alles ab: ein Maximum an Akrobatik und halsbrecherischen Aktionen, und es ist bewundernswert, welche vokalen Spitzenleistungen sie darüberhinaus noch mühelos zustande bringen: Stephen Costello (Herzog) und Vladimir Stoyanov (Rigoletto), Mélissa Petít (Gilda), Katrin Wundsam (Maddalena) und  Miklós Sebastyén (Sparafucile) führen das Solisten-Ensemble an, und der Bregenzer Festspiel-Chor, der  Prager Philharmonische Chor und die Wiener Symphoniker unter Enrique Manzolla schaffen wie gewohnt den großartigem Klang-Rahmen. Als  Sahnehäubchen agiert das Wired Aereadie l Theatre: Luftartisten, die die herzogliche Hand wie Motten das Licht umschwärmen ...

Bregenz war also auch im Sommer 2019 eine Reise wert. Der Reiz der weltgrößten Seebühne hat wie eh und je Tausende von Besuchern angezogen, und die haben die einzigartige Verbindung von grandioser Naturkulisse und großer Opernkunst erneut in vollen Zügen genießen können. Aber auch wir müssen nicht leer ausgehen: Wir bekommen das Erlebnis via Medien-Aufzeichnung ins Haus... Der Zirkus auf der Seebühne – das ist schon was!

Verdi, Rigoletto // Unitel, C-Major; 1 Blu-ay Video (75 17 04)  bzw. 1 DVD Video-Album (75 16 08), Laufzeit 125 min. & Bonus 29 min.)


Wir feiern 260 Jahre Thüringer Porzellan!

"Kleines Thüringer Porzellanbuch" erschienen | "Tag des Thüringer Porzellans" 2020 am 3./4. Oktober 2020
Kleines Thüringer Porzellanbuch

Kaolin, Feldspat und Quarz - drei Zutaten, die ein ganz besonderes Material entstehen lassen: das Porzellan. Weiß und strahlend kann es sein, ganz zart und filigran, besonders groß und robust, unglaublich hart und zickig. Porzellan prägte wie kein anderer Industriezweig das Land Thüringen. Feine Porzellanspitze trifft auf Unverwüstliches,  echte Handarbeit auf hochmoderne Fertigung, Strohblumendekor auf getauchtes Silber. In Thüringen lebt eine über 260-jährige Tradition fort. Im "Kleinen Thüringer Porzellanbuch" stellen die Autorinnen Dr. Ulrike Kaiser und Ilka Kunze anschaulich die heute existierenden Betriebe, Künstler und erlebbaren historischen Stätten vor. Einblicke in alte Porzellanmarken werden ebenso geboten wie Ausblicke auf überraschend Modernes: Hätten Sie gewusst, dass am Steg der Wünsche Scherben Glück bringen, dass man in Thüringen sogar mit Porzellankochtöpfen kocht oder wie gut eine Bratwurst vom Porzellangrill schmeckt?

Das Buch ist der Band 83 aus der inzwischen fast 85-bändigen Rhino Westentaschen-Bibliothek. Die "Kleinen Rhinos" sind kleine, feine Geschenkbücher mit einem breiten Themenspektrum und vermitteln prägnante, kurzweilige und anschaulich bebilderte Informationen.

Tag des Thüringer Porzellans auf den 3./4. Oktober 2020 verschoben!
Der Feiertag des Thüringer Porzellans wird ein historisches Datum: Exakt vor 260 Jahren am 4. Oktober 1760 erhielt Georg Heinrich Macheleid die Konzession für die erste Thüringer Porzellanmanufaktur! Das ist wahrlich ein Grund zum Feiern: Manufakturen & technische Keramiker, Künstler und Museen im Freistaat und darüber hinaus zeigen am 3. und 4. Oktober, was sich hinter diesem alten Handwerk verbirgt. In Führungen erhalten die Gäste Einblicke in sonst verschlossene Räume, auf Märkten werden kunstvolle Porzellanobjekte angeboten, kreative Workshops, Teezeremonien oder Kochshows laden zum Mitmachen ein.

Das Porzellan-Handwerk hat in Thüringen eine lange Tradition: Von der Aeltesten Porzellanmanufaktur Volkstedt über die Porzellanmanufaktur Reichenbach bis hin zu KAHLA, Eschenbach Porzellan in Triptis und Wagner + Apel Lippelsdorf, Rudolf & Thomas Kämmer, Sitzendorf Porzellan sowie die technischen Porzelliner - sie und viele andere Firmen stehen für die Seele des Porzellans in Thüringen. Was vor 260 Jahren mit Macheleid begann, wandelte sich vom exklusiven Einzelstück zum bezahlbaren Produkt für alle. Die Hersteller führten Ende des 19. Jahrhunderts den Markt an und Thüringer Tischporzellan, Spielwaren oder Isolatoren reisten um die ganze Welt. Bis 1902 entstanden über 300 Porzellanmanufakturen.

Weitere Informationen www.porzellantag.de
Das Büchlein ist im Onlineshop der Leuchtenburg und des Rhino-Verlages erhältlich: https://leuchtenburg.ticketfritz.de/ | https://shop.vggh.de/RhinoVerlag/


Ein magischer Würfel

Hinreißende Klänge und hochkarätige Interpretationen / Dr. Eberhard Kneipel über die Claudio Abbado Edition bei EuroArts
Claudio Abbado EuroArts

Dieser wundervolle Würfel dient nicht magischen Tricks oder faulem Zauber – dieser wundervolle Würfel zieht magisch an und verzaubert ungemein: Mit seinen 25 DVDs präsentiert er die Kunst eines Dirigenten, der zu den größten seiner Zunft zählt: Claudio Abbado. Am 20. Januar 2014 ist der Maestro in Bologna gestorben, seine Ausstrahlung und seine Nachwirkung aber sind nicht verblichen. Anlässlich des 5.Todestages würdigt EuroArts Abbado nun mit diesem außergewöhnlichen Großprojekt, das die faszinierende Vielseitigkeit  des Künstlers noch einmal lebendig werden lässt. Sein Name steht für Gründergeist, Aufbruch und Innovation - das Festivalorchester Luzern, das Mozart-Orchester und das Gustav-Mahler- Jugendorchester sowie seine großartige Förderung junger Musiker und Musikerinnen künden davon. Und sein Name steht für hingebungsvolle und inspirierende Dirigate, für Charisma und Suggestionskraft - für Konzerte der Spitzenklasse, bei denen die Begeisterung beim Musizieren nicht nur zu hören ist, sondern sich auch in den Gesichtern widerspiegelt. Eine Freude für den Zuschauer ...

Die ersten fünf DVDs dokumentieren Abbados musikalisches Leben, seine Probenarbeit und seine künstlerischen Projekte, zu denen auch der 2011 gegründete Coro Papageno zählt: Inhaftierte singen miteinander, und das gemeinsame Singen soll gegenseitiges Zuhören und Respektieren befördern. Und auch die nächste DVD, der Auftakt zu einer Weltreise durch das Repertoire und in berühmte Konzertsäle, stellt mit dem programmatischen Titel „Prometheus“ und mit Werken von Beethoven, Liszt, Skrjabin und Nono Abbados humanistisches Engagement und seine künstlerische Progressivität unter Beweis...

Groß ist die Zahl berühmter Solisten, Chöre und Orchester, mit denen der Dirigent zu erleben ist. Und exklusiv sind die Orte, an denen musiziert wird: die Waldbühne und die Philharmonie in Berlin, der Salzburger Dom und der Wiener Musikverein, die Suntoory Hall in Tokio und  das Teatro Massimo in Palermo, das Vasa Museum Stockholm und die Accademia Nationale di Santa Cecilia in Rom. Und auch die Anlässe sind vielfältig: Europa-Konzerte und Gastspielreisen, Silvesterkonzerte und Waldbühnenauftritte und das Festival in Luzern ... 

Sucht man freilich in dieser Fülle hochkarätiger Aufführungen den ganz besonderen Höhepunkt, dann wird die Wahl zur Qual: Mozarts Requiem oder Mahlers „Auferstehungs-Sinfonie“, Bachs „Brandenburgische Konzerte“ oder Beethovens Sinfonien, die „Italienische Nacht“ in der Waldbühne oder die Verdi-Gala am Silvesterabend 2000 oder auch die beiden Aufführungen von Mahlers „Vierter“ aus dem Festspielhaus in Luzern ... 

Und dann finde ich mit der 24. Platte doch noch meine Favoriten: Sergej Prokofjews hinreißend-geniales 3. Klavierkonzert C-Dur mit der Weltklasse-Pianistin Yuja Wang und Gustav Mahlers jugendlich-triumphale „Erste“ mit Claudio Abbado und seinem Luzern Festival Orchester – ein Auftritt aus dem Jahr 2005, dessen Eindruck lange anhalten wird. Und das ist bei den Rückert-Liedern und der  „Vierten“ von Mahler mit ihrem Lobgesang auf die himmlischen Freuden der Musik nicht viel anders. Diese 25. DVD ist die letzte Aufnahme mit dem Maestro ... Berührend!

Und so wird jeder seine eigenen Erlebnisse finden und Eindrücke sammeln können – der magische Würfel hat eben viele Facetten und nicht nur sechs Seiten zu präsentieren ...

ABBADO – 25 DVDs, aufgenommen 1996-2014; Laufzeit 37 Stunden // EuroArts DVD - 880242574787


Zum Geburtstag des Lügenbarons

Wunderbare Reisen ... Faber & Faber Verlag

Am 11. Mai 2020 jährte sich der Geburtstag des legendären Baron von Münchhausen zum 300. Mal. Seine abenteuerlichen Geschichten, niedergeschrieben und ergänzt von Gottfried August Bürger, erscheinen anlässlich des Jubiläums bei Faber & Faber in einer knallig illustrierten Ausgabe. Der preisgekrönte Buchkünstler Thomas M. Müller setzt die fantastischen Erzählungen des närrischen Fabulierers mit 30 opulenten Bildern gekonnt in Szene.
Die Abenteuer von Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, geboren 1720 im Weser-Örtchen Bodenwerder, sind weltbekannt: der berühmte Ritt auf der Kanonenkugel, die Rettung durch die eigene Hand des Versinkenden aus einem Sumpf oder die Jagd nach einem achtbeinigen Hasen. Die anonym veröffentlichte englische Urschrift wurde mehrfach übersetzt und erweitert, Bürgers Version aber wurde zum Jahrhundert-Bestseller und Klassiker der Weltliteratur.

„Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“, illustriert von Thomas M. Müller, erscheint am 27. April 2020 bei Faber & Faber. Die Vorworte der englischen und deutschen Originalausgaben aus dem 18. Jahrhundert ergänzen den hochwertig ausgestatteten Band. Einen Einblick in das Buch bekommen Sie hier:

https://www.verlagfaberundfaber.de/buch/39


Der Henze-Hattrick

Oratorium, Oper und Orchesterstücke von Hans Werner Henze in aufsehenerregenden Ersteinspielungen / Von Dr. Eberhard Kneipel

Diesen Werken eines der bedeutendsten und produktivsten deutschen Komponisten nach 1945, die die Labels SWR Classic, Arthaus Musik und Wergo in Neu-Aufnahmen vorgelegt haben, ist vor allem eines gemeinsam: Sie entstanden in den 1960/70er Jahren und bezeugen beredt Hans Werner Henzes politisches Engagement und seinen künstlerischen Einsatz für eine bessere Welt. Vor allem das Oratorium „Das Floß der Medusa“ nach der Dichtung von Ernst Schnabel hat da Musikgeschichte geschrieben und ist noch heute beklemmend aktuell. 1968 wurde die für den 9. Dezember geplante Uraufführung in Hamburg abgesagt – bereits die Generalprobe hatte den Eklat geliefert! Henze dazu: „Die Damen und Herren des RIAS-Chores liebten mich zwar, aber unter der roten Fahne zu singen, das könnten sie nicht. Fischer-Dieskau sagt erregt: Das war das letzte Mal, dass ich mich von Dir habe hinters Licht führen lassen. Frau Moser umarmt mich heftig und ruft aus: Was immer sei, ich bleibe Dir treu. Das alles spielte sich in unserem Künstlerzimmer ab, während draußen bereits der Sturmangriff der Bereitschaftspolizei beginnt.“ Der Polizei-Einsatz, die zahlreichen Festnahmen und das Aufführungs-Verbot wurden begleitet vom Ruf der Massen: „Ho, ho, Ho-Chi-Minh!“, „Ho, ho, Ho-Chi-Minh!“. Henze stand mit erhobener Faust auf dem Podium, skandierte mit und dirigierte … 

Das „Oratorio volgare e militare in due parti für Sopran, Bariton, Sprechstimme, gemischten Chor, Knabenstimmen und Orchester“ berichtet von unfassbarem Unrecht: 1816 zerschellte die „Medusa“, Flaggschiff einer Expedition im Kolonialkrieg Frankreichs gegen England, an einem Riff vor Westafrika. Der Gouverneur, seine Freunde und Vertrauten, die Offiziere, alle Beamten und die Priester retteten sich auf die wenigen Boote; das Gros der Schiffbrüchigen wurde auf einem Floß dem Schicksal überlassen und fiel dem Wüten der Elemente, dem Hunger, und dem  Durst, dem Fieber und der Agonie zum Opfer. Nur 13 der 154 Unglücklichen haben die Schreckens-Tage und      -Nächte, hilflos und voller Ängste im Meer treibend, überstanden. Charon, der Fährmann ins antike Totenreich, ist der Chronist des Horrors. Am Ende schreit er heraus: „Die Überlebenden aber kehrten in die Welt zurück, belehrt von der Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen.“ 

Ein musikalischer Höhepunkt sind der Anstschrei  und die Panik der Ausgesetzten beim Axthieb, der das Schlepptau kappt, an dem das Floß hängt. Ein anderer ist der Schluss-Appell: rhythmisches Rufen und Stampfen „Wie Donnerhall“, rote Fahne und Che Guevara-Porträt … Da war das Maß voll und die Freiheit der Kunst passé! 

50 Jahre nach diesem Skandal und mit der 1990 revidierten Schlussversion präsentieren das SWR-Symphonieorchester, die hervorragenden Solisten und Chöre und der Dirigent Peter Eötvös die Neuentdeckung dieses Meisterwerkes von Hans Werner Henze – souverän, eindringlich und zudem als erstes CD-Album des Orchesters …

2018 kehrte Henzes Opera seria „Die Bassariden“ nach 22 Jahren an den Ort ihrer Uraufführung zurück – als Highlight der Salzburger Festspiele, das Arthaus Musik in eine „absolut packende Ersteinspielung“ umgemünzt hat. Krzysztof Warlikowski, Polens namhaftester Opernregisseur, lieferte mit großem Panoramabild und viel Video-Technik eine höchst dramatische und psychologisch ausgefeilte Inszenierung; am Pult der Wiener Philharmoniker brachte der Star-Dirigent Kent Nagano Henzes ungemein raffinierte und komplexe Musik wunderbar zum Klingen. 

Der Einakter nach der Tragödie des Euripides erweckt den Anschein, als hätten Henze und seine Librettisten W. H. Auden und Chester Kallmann  die Sujets und die Klänge von Wagners „Götterdämmerung“ und Strauss‘ „Salome“ und „Elektra“ gemixt und potenziert: Totschlag und Blutrache, Begehren und Exzess, Magie und Mythos - alle Ingredienzien des antiken Dramas sind dabei. Der Regisseur pointiert den Konflikt zwischen dem heldischen, vernunftstolzen König Pentheus und Dionyss, der den Tod seiner Mutter rächen und die intakte Welt Thebens ins Wanken bringen will. Er schleicht sich unters Volk, spielt virtuos die Klaviatur der Manipulation: Mit Orgien und Trugbildern will er die Bassariden zum Aufruhr bewegen. Auch die Mutter des Pentheus fällt in Trance und enthauptet den Sohn. Chaos herrscht, das Volk ist unterworfen, und Dionysos, der „Menschenvernichter“, zieht davon. Nur ein Klagelied bleibt: „Unbegreifliche Mysterien, nicht für Sterbliche bestimmt; wir sehen nicht, wir hören nicht: wir knie’n und beten an.“

Was wir sehen, ist ein Regimechange im Altertum - eine Blaupause für die Nachwelt, zumal  Warlikowski die Timeline der Handlung  zwischen Antike und Belle Époque ins Heute verlängert.  Und Henze nimmt die Musik als Ausgangpunkt und Basis für das Bühnengeschehen: Klänge werden Bilder, Strukturen Szenenabläufe, Bach-, Mahler- und Berg-Zitate vermitteln Zeitlosigkeit. Ihr Sog und ihre Strahlkraft evozieren stahlharte, sinnlich weiche und magisch leuchtende Farben und Klangwelten – und einem Wohllaut, der einzigartig ist zu dieser Zeit!

Mit Sean Panikkar als Dionysus und Russel Braun als Pentheus hat Salzburg zwei hervorragende  Antagonisten. Tanja Ariane Baumgartner (Agave), Vera-Lotte Böcker (Autonoe) und Williard White (Kadmos) überzeugen stimmlich ebenfalls auf höchstem Niveau. Und Nagano nutzt für seine Interpretation Henzes Originalpartitur mit dem  Intermezzo „Das Urteil der Kalliope“. 1966 nach der Uraufführung gestrichen, rückt es den Dionysos- Kult und die exzentrischen Ausschweifungen noch stärker ins Bild.  Das Ganze ein Endzeitgemälde?

Die Henze-Edition von Wergo würdigt den Ton-Dichter und Klangmagier mit Erst-Einspielungen von Orchesterwerken: Lieder ohne Worte; Theater ohne Bühne… Mit Oliver Knussen  steht ein Komponist, am PÜlt der eine besondere Affinität zu Henzes Musik besitzt. Ihre gegenseitige Wertschätzung  war groß: Henze bewunderte den Dirigenten für funkelnde Klangfeuerwerke, und Knussenbedachte den Komponisten regelmäßig mit Referenz-Aufführungen. 

Hingabe und Verständnis zeigen auch diese hochsensiblen und faszinierenden Aufnahmen mit dem BBC Symphony Orchestra. „Los Caprichos“ (1963) ist vom Schock über New Yorks Elendsviertel geprägt und überträgt den Sarkasmus und den Schmerz der grafischen Blätter Francisco de Goyas mit sparsam eingesetzten avancierten Stilmitteln in eine melancholisch- zarte Fantasie. Auch die Allegorie für Orchester „Heliogabalus Imperator“ (1971/72) – eine große programmmusikalische Ausdeutung von Leben und Tod des exzentrischen römischen Kaisers Marcus Aurelius Antonius – zeigt Henzes freies Spiel mit den Mitteln der Moderne. Romantisch klingen hingegen die „Englischen Liebeslieder“ (1984/85), das zweite Cello-Konzert – sie geben unterschiedlichsten Stimmungen und Seelenzuständen Raum, den der Solist Anssi Karttunen poesievoll mit Leben erfüllt. 

Die „Ouvertüre zu einem Theater“ ist Henzes letztes Werk - ein swingendes und kraftvolles Glanzstück. Die Uraufführung zur Hundertjahrfeier der Deutschen Oper Berlin am 20. Oktober 2012 hat er nicht mehr gehört: Sieben Tage später starb der 1926 in Gütersloh geborene, in Italien lebende, weltweit wirkende und verehrte Komponist in Dresden. Seine Ouvertüre erinnert an große Bühnenerfolge und ist ein Bekenntnis zum Theater, für das Henze gelebt und das er leidenschaftlich geliebt hat. „Alles kommt von Theater her und läuft auf das Theater hinaus“, hatte er einmal gesagt!

Hans Werner Henze, Das Floß der Medusa; Camilla Nylund, Peter Schöne, Peter Stein, SWR Vokalensemble, WDR Rundfunkchor, Freiburger Domsingknaben, SWR Symphonieorchester, Ltg. Peter Eötvos //SWR Classic, CD SWR19082CD

Hans Werner Henze, The Bassarids; Live-Mitschnitt von den Salzburger Festspielen August 2018; Dirigent Kent Nagano, Inszenierung Krzysztof Warlikowski // Arthaus Musik, Blu-ray 109 413/ DVD 109 412

Hans Werner Henze, Heliogabalus Imperator. Werke für Orchester. / Anssi Karttunen, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen // Wergo, CD WER 7344 2  

 


Ein Kleid, ganz aus Schnee

Petra Elsner über: Märchenhafte Geschichten von Ingrid Annel
Ingrid Annel

Was für eine wundervolle Idee, alte Märchen einfach weiter zu erzählen. Da entdeckt ein Hase in einem alten Märchenbuch den peinlichen Wettkampf eines Artgenossen, der vor Zeiten von einem Igelpärchen gelinkt wurde. Was für ein Skandal! Deshalb fordert nun auch Hase Hubert das benachbarte Igelpaar zu einem ehrenrettenden Wettkampf hinaus und: scheitert. Gold- und Pechmarie verwandeln sich ins Gegenteil und die sieben Zwerge haben uns doch glatt den achten und neunten Zwerg verschwiegen.
Autorin Ingrid Annel schreibt ganz in der Tradition der großen Märchenerzähler und entstaubt dafür alte Legenden. Ihre Geschichten beginnen dort, wo die Hausmärchen der Gebrüder Grimm mit ungewissem Ausgang in „Der goldene Schlüssel“ enden. Sie macht daraus drei Schlüssel und schickt mit diesen drei Brüder auf den Weg, die passende Tür zum Glück zu finden. Dabei verrät sie ganz beiläufig, dass das Glück für jeden anders aussieht. Wie wahr und erzählt wird nicht nur in „Drei Schlüssel zum Glück“ vollkommen ohne erhobenen Zeigefinger.

Ingrid Annel pflegt einen klaren, ganz schnörkellosen Erzählstil, überrascht mit witzigen Pointen und unerwarteten Wendungen. Nicht immer führen ihre Geschichten in ein Happy End. Dort, wo es die Helden gierig umtreibt, landen sie im auch schon einmal in einem Desaster. So wie beispielsweise in „Das Gold vom Himmel herunter“, in dem ein TV-Bericht von einem Mädchen berichtet, dass wirklich alles verschenkte und dafür Taler von den Sternen bekam. Alle, die diese Sendung sahen, versuchten es dem Sterntalerkind gleich zu tun, sie verschenkten, was sie besaßen. Und die Sterne? Sie wunderten sich nur über die vielen Nackten dort unten auf der nächtlichen Waldlichtung.
Wunschträume enden nicht selten in Schall und Rauch. In der titelgebenden Geschichte wünscht sich eine afrikanische Prinzessin „Ein Kleid, ganz aus Schnee“. Niemand kann es ihr bringen, kein Prinz, kein Edelmann. Aber mit der Hilfe eines klugen Kochs findet sie zu ihm, für einen Lebensmoment. In „Irmelind und die sieben Zwerge“ schafft die Autorin aus einem Märchen-Cocktail einen ganz abenteuerlichen Plot, der Zwerge in sondersame Liebhaber verwandelt, nur damit die junge Frau ihren Prinzen bekommen kann. Insgesamt hat Ingrid Annel mit diesem zauberhaften Buch eine herzerfrischende Märchenlektüre geschaffen, die ich hier gerne weiterempfehle. (Petra Elsner)

„Ein Kleid, ganz aus Schnee“ von Ingrid Annel, erschienen 2019 im Verlag TASTEN & TYPEN, Bad Tabarz, Hardcover mit Umschlag, 240 Seiten. Preis: 19,80 Euro, ISBN 978-3-945605-39-4

Quelle: https://www.schorfheidewald.de/rezensionen/ein-kleid-ganz-aus-schnee/


Musik der Seele

Das Berlin Recital von Yuja Wang bei der Deutschen Grammophon / Von Dr. Eberhard Kneipel

Yuja Wang mag Russen. Die Weltklasse-Pianistin, die in Peking geboren wurde und im Alter von sieben Jahren ihren ersten Unterricht erhielt, die als Vierzehnjährige in das prestigeträchtige Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen wurde und der 2007, noch als Studentin, beim Boston Symphony Orchestra mit Tschaikowskis b-Moll-Konzert der internationale Durchbruch gelang, hatte Lehrer, die aus der legendären russischen Klaviertradition hervorgegangen sind und von Giganten des Klavierspiels wie Alfred Cortot und Vladimir Horowitz, Artur Schnabel und Isabelle Vengerova beeinflusst waren. Technische Bravour, emotionaler Tiefgang und reiche Fantasie sind das Erbe, das Yuja Wang von ihnen empfing und  das sie nun souverän verwaltet. Die russische Musik hat ihr eine innere Welt erschlossen, und die russische Musik – in China weit verbreitet und gut bekannt - war es auch , die ihr den Zugang zur westlichen Klassik öffnete. 

Russische Romantik und moderne Miniaturen aus dem späten 20. Jahrhundert füllen denn auch ihr Berlin Recital, das sie im noblen Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie live eingespielt und das die Deutsche Grammophon veröffentlicht hat. Live – das liebt sie besonders. Und die Werke – die liegen ihr am Herzen: „Die russischen Stücke bringen irgendwie alle Emotionen heraus, die Gefühle der Sehnsucht in uns. Wir fühlen uns durch und durch menschlich durch sie. Aber gleichzeitig erscheinen sie überlebensgroß. Sie handeln von etwas, das gewaltiger ist als wir, dabei bleiben sie zugleich unterhaltsam fürs Publikum. Die Komponisten sind sehr unterschiedlich, das wird deutlich, wenn man mein neues Album hört.“

Grandios der Beginn, überwältigend der Schluss! Sergej Rachmaninows berühmtes Prélude g-Moll – ein pianistisches Feuerwerk: kraftvoll, ungestüm, stolz. Eingebettet eine schöne, wunderbar aufblühende Melodie. Solche Kontraste zeigen auch die beiden Bilder-Etüden. Die eine unruhig wogend und turbulent; die andere verhalten und nachdenklich. Und das Prélude Opus 32/10 komplettiert den romantischen Stimmungszauber durch wehmutsvolle Töne. Gänzlich anders dann die Welt der 10. Sonate von Alexander Skrjabin. Mystisch. Rätselhaft. Dissonante Klangreize und chromatische Leuchtkraft. Virtuoses Glitzern und ein impressionistisch anmutendes Flirren, Ein Schwirren und Hüpfen der Töne, das den Beinamen „Insekten-Sonate“ einsichtig macht. Die Vielschichtigkeit und Vielfalt von Rhythmen, Klängen und unablässig fließenden Verläufen formen die drei ausgewählten Etüden des Ungarn György Ligeti – brillante Miniaturen, die für die Pianistin alles andere als spielerische „Kleinigkeiten“ sind. 

Und dann die 8. Klaviersonate B-Dur von Sergej Prokofjew, die letzte seiner „Kriegssonaten“, die Emil Gilels im Dezember 1944 uraufgeführt hat. Mit ihr reiht sich Yuja Wang in die Reihe ihrer Vorbilder Gilels und Swjatoslaw Richter ein. Und Richter hat diese großartige und erhabene Musik auch beschrieben: „Sie enthält ein ganzes Menschenleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten … einen Reichtum wie ein Baum, dessen Zweige die Last der Früchte zu tragen haben.“ Lyrische Themen und philosophische Reflexionen, eine elegante Tanz-Episode, die in Franz Schuberts Ländler-Welt entführt, Sarkasmen und Ironie und ein kraftvoll zielstrebiges Voranschreiten, das am Schluss an den  nachdenklichen Beginn erinnert, umfassen einen Kosmos des Geistes und der Seele. Und Yuja Wang bringt das alles  in ihrem Berliner Album zum Klingen – hinreißend und authentisch. Sie kennt die russische Seele ... 

Abbildung: Yuja Wang, The Berlin Recital: Rachmaninow, Skrjabin, Ligeti, Prokofjew //Deutsche Grammophon, 1 CD 483 6280