KUSPI-Blog

Das neue Erfurt-Buch von Ulf und Juliane Annel

Ulf Annel, Juliane Annel

Auf dem Foto von 2012 (Fotograf: Maik Ehrlich, damals TLZ,  Cover: Emons Verlag Köln) präsentieren Juliane und Ulf Annel das noch nach Druckerei riechende Buch "111 Orte in Erfurt, die man gesehen haben muss". Zu diesem in Rot-Weiß gehaltenen ersten Band gibt es mittlerweile noch einen Band zwei in Blau-Weiß (aber natürlich auch nur echt mit der Puffbohne), in dem der Radius etwas weiter in die erfurtnahe Umgebung geschlagen wird: 111 Orte in und um Erfurt.

Der erste Band wird jedoch nach wie vor von Erfurterinnen und Erfurtern und den Gästen der Stadt so gern gekauft, dass jetzt eine Nachauflage (die fünfte) erscheinen musste. Diese ist aktualisiert und - da einiges seit 2012 in der Stadt verschwunden ist - wieder auf 111 mit neuen interessanten Örtlichkeiten und dazugehörigen interssanten Geschichten ergänzt.


Hinreißend: Das Fellini-Album des Labels Decca

Maestro Riccardo Chailly und die Filarmonica della Scala zelebrieren Nino Rotas Filmmusik-Hits
Decca Fellini Album

Von Dr. Eberhard Kneipel  Ganz schön cool: Swingende Saxofone und schluchzende Geigen, flirrende Mandolinen und flottes Schlagzeug. Eine einsame Trompete und ein spritziges Klavier-Solo. Big-Band-Sound und Orchester-Power. Lärmende Blasmusik und schmissige Zirkusmärsche. Und manchmal klingt das alles wie eine riesige Drehorgel ... Das Leben ein Rummelplatz: Straße und Manege, Nachtklub und High Society; die Welt voll von Träumen, Illusionen und bitterer Realität.  Dazu dieses Klang-Kaleidoskop, das den italienischen Kult-Regisseur Federico Fellini fasziniert und zur Zusammenarbeit mit Nino Rota bewogen hat – und die hat seinen Meisterwerken der 1960er und 1970er Jahre ihr unnachahmliches Flair verliehen. 

Mit der Musik kehren Bilder zurück: Die berühmte Szene an der Fontana di Trevi mit Anita Ekberg und Marcello Mastroianni - eine der sieben Episoden, die von der skandalträchtigen „Dolce Vita“ der römischen Hauptstadt erzählen. Surreal wirken die Opernaufführung venezianischer Adliger und der mechanische Vogel mit seinem Walzergesang in „Fellinis Casanova“. Der Film  „Clowns“ bringt das turbulente Treiben und die Melancholie der Manege ins Bild, und im Soundtrack treibt Rota seine Clownerien auf die Spitze – mit einem grotesken Eröffnungsmarsch, dem Galopp der Clowns, einem Trauermarsch und dem suggestiven Tango im Irrenhaus. Und solche Szenen erahnt man auch in den Orchestersuiten aus „Achteinhalb“ und „Amacord“  ...

150 Filmmusiken hat Nino Rota (1911-1979) komponiert, dazu Konzerte und Kirchenmusik. Federico Fellini (1920-1993), der sich in seinen fünfundzwanzig Filmen mit autobiografischen, historischen und sozialkritischen Themen als präziser Chronist erwies, nannte den Musikereinen „magischen Freund“ – einen Freund, der das geheime Ansinnen seines Kinos erfassen und verstehen könne. Und Rota fand im Regisseur den idealen Austauschpartner, der seine Kreativität voll herausforderte. Ihr Miteinander war nicht von Zuneigung geprägt; es war, wie Fellini bekannte, die „Konvergenz zweier Temperamente, zweier Naturen, zweier Kreaturen, die notwendigerweise innerhalb der Grenzen ihrer Wirkung die Aussageform eines Films gemeinsam erschaffen mussten.“ In ihrer Liebe zum Zirkus aber waren beide hör- und sichtbar eins...

Diese außergewöhnliche und einzigartige Beziehung blieb freilich von Irritationen nicht verschont. Fellini hatte wenig Ahnung von Filmmusik; er liebte die Melodien und Märsche der 1930 Jahre. Und Rota schrieb die Musik zu manchem Meisterwerk Fellinis eher unbewusst; er ignorierte deren Komplexität und schuf „eine Traumwelt, zu der die Wirklichkeit kaum eine Zugangschance hatte“ und die sich dennoch gut mit der des Regisseurs verband. Mit dem Tod des magischen Freundes war dann die Muse Fellinis entschwunden ...

Für die phänomenale Einspielung des Albums hatte das Label einen besonderen Trumpf im Ärmel: den international gefragten und gefeierten Klassik–Dirigenten und Maestro der Mailänder Scala Riccardo Chailly. Der ist Nino Rota 1974 erstmals in Lanciano bei der Aufführung des Klavierkonzerts in C begegnet und bemerkte schnell, dass sich hinter der scheinbaren Einfachheit und Offenheit des Künstlers ein profundes Musikwissen und eine Kultur von großer Tiefe verbargen. Und diese lange Vertrautheit ist es, die Chailly prädestiniert für die CD-Aufnahme macht: Zusammen mit dem Philharmonischen Orchester der Scala kann er da seiner Liebe zur Musik des Komponisten, zu den raffinierten Orchesterfarben, den eingängigen Melodien und den vitalen Rhythmen, freien Lauf lassen ...

Am Beginn und am Schluss die „Amacord“–Musik. Wunderbar die Walzer-Nostalgie und die elegant-elegische Atmosphäre – sie sind Nino Rotas schönste Visitenkarte. Und das Fellini-Album ist zu einer beschwingten, virtuosen und farbenfrohen Hommage auf den Komponisten zu dessen 50. Todestag geworden - hochkarätig und hinreißend!

The Feliini Album / Riccardo Chailly & Filarmonica della Scala: The Film Music of Nino Rota // DECCA 1 CD 483 2869


Neuer Krimiroman des Eisenachers Steffen Schulze

Steffen Schulze Hexenjäger

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Oberfeldwebel Fuchs sein letztes Abenteuer bestehen musste. Und nun ist es erneut soweit. Feldjäger Pepe S. Fuchs ermittelt im „Hexenjäger“ des Eisenachers Steffen Schulze in einem mysteriösen Vermisstenfall. „Ich bin wieder meiner Heimatstadt Eisenach treu geblieben“, sagt der Autor. „Obwohl den Einstieg eine Rückkehr nach Havanna gibt, findet die übrige Handlung fast ausschließlich in Thüringen statt.“ Wie gewohnt, müssen Militärpolizist Fuchs und die Eisenacher Kommissarin Beate Jäger so manche Feuerprobe bestehen und dabei mehr als einmal um ihr eigenes Leben fürchten. „Trotz aller Action habe ich mich bemüht, den von einer Leserin als Schulze-Humor betitelten Spaß nicht zu kurz kommen zu lassen“, meint Schulze.

Zu einem seiner vorherigen Bücher schrieb eine Leserin: „Crime, Sex und Humor ist schon eine recht exotische Mischung, aber mich persönlich hat sie ausgesprochen gut unterhalten.“

„Ausgesprochen gute Unterhaltung zu liefern, ist mein erklärtes Ziel! Ich hoffe, mit dem "Hexenjäger" dem ersten Teil der Pepe-Reihe nacheifern zu können, zu dem die Internetplattform motorrado.de unlängst geschrieben hat: Insgesamt ist das Buch so lebendig geschrieben, dass man im Nachhinein glaubt, einen Film gesehen zu haben!“, so Schulze weiter.

„Pepe S. Fuchs - Hexenjäger“, der erneut im Principal Verlag erscheint, ist bereits der vierte Teil der erfolgreichen Pepe-Reihe. Und wenn es nach dem Autor geht, soll dies noch längst nicht das letzte Abenteuer des Feldjägers Pepe S. Fuchs gewesen sein.

Aktuelle Infos: www.tansaku.de und unter www.facebook.com/Schulze.Eisenach/ 


Wohlstand für alle?

Marc Elsberg präsentiert bei Mordsharz seinen Thriller „Gier“: 13. September, 21 Uhr, Welfenschloss Herzberg
Marc Elsberg Mordsharz

Ein Nobelpreisträger hat angeblich eine Formel gefunden, mit der sich die Armut auf der Welt bekämpfen lässt. Während die Massen gegen soziale Ungleichheit demonstrieren, will er sie auf einer Konferenz in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen. Leider kommt er dort nie an, sondern stirbt auf der Hinfahrt bei einem Autounfall. Doch es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war. Und er weiß, dass irgendwo das Manuskript seiner Rede existiert.
Gerade die Anfangssequenz in Marc Elsbergs neuem Thriller „Gier“ wirkt beängstigend, beklemmend realistisch, wie eine Apokalypse, die uns jeden Tag bevorstehen kann. Sein Szenario ist nicht weniger als der Zusammenbruch des Kapitalismus, wenn sich die Menschen gegen die Ausbeutung einiger weniger Reicher auflehnen und die Lüge vom stetigen unbegrenzten Wachstum nicht mehr glauben mögen. Dieser gar nicht so fern scheinenden Zukunftsvision stellt Elsberg eine Fabel von vier Bauern gegenüber, die ihre Felder bewirtschaften und ihren Ertrag zu vermehren versuchen. Trotz gleicher Bedingungen gelingt dies einigen besser als anderen. Doch warum? Im Grunde ist dies die Ausgangsfrage für das Buch, im Grunde ist es eine Geschichte, die um diese Bauernfabel und die damit erklärbaren Wirtschaftstheorien herum geschrieben ist. Schon in „Blackout“, „Zero“ und „Helix“ machte der österreichische Bestsellerautor deutlich, dass es ihm um tatsächliche Bedrohungen unserer Gesellschaft geht. Seine Bücher befassen sich sehr intensiv mit den wissenschaftlichen Fakten, es hat beinahe den Anschein, er schreibt seine Thriller vor allem deshalb, um auf diese Gefahren aufmerksam zu machen und eine Diskussion anzuregen. Mit „Zero“ war Marc Elsberg schon einmal bei Mordsharz zu Gast, damals im Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar. Allerdings hat er gar nicht so viel gelesen, sondern vielmehr einen spannenden Vortrag zur Digitalisierung und Datensicherheit gehalten. Viele Gäste stellten hinterher fest, dass die Fakten eigentlich spannender und erschreckender sind als die Fiktion.
Im neuen Roman „Gier“ ist es ähnlich. Auch hier verknüpft Elsberg viel Theorie und darunter sogar knallharte Mathematik mit einer rasanten Verfolgungsgeschichte, die er in gewisser Weise nur braucht, um seine eigentlichen Inhalte einer breiten Leserschaft ansprechend zu präsentieren. Im Grunde macht er es hier sogar noch konsequenter als in den Vorgängern, indem er die Fakten eben als tatsächliches Redemanuskript des ermordeten Nobelpreisträgers auftauchen lässt. Dennoch verkommt der Thriller damit keinesfalls zum Sachbuch. Mag der kriminalistische Aspekt auch in den Hintergrund treten, so schafft der Autor es durch das Tempo der Verfolgungsjagd durchs aufgewühlte Berlin die Spannung hoch zu halten. Dank der weiteren Erzählebene der vier Bauern wirkt alles zudem auch noch literarisch ansprechend aufbereitet und funktioniert ohne weiteres sowohl als Thriller wie auch als Diskurs zum Thema Wachstum für alle, Umverteilung und soziale Gerechtigkeit. Der Schlüssel zum Erfolg – Achtung Spoiler – liegt letztlich übrigens in der globalen Kooperation, die somit auch der einzige Weg scheint, den Zusammenbruch des Kapitalismus zu verhindern. Im Grunde ist das nicht neu, doch leider für viele sehr einflussreiche Menschen eine so unbequeme Wahrheit, dass sie alles dafür tun, um die Verbreitung dieser Theorien und vor allem ihre praktische Umsetzung aufzuhalten. Also im Buch natürlich.
Am Freitag, 13. September, ab 21 Uhr wird Marc Elsberg bei Mordsharz im Welfenschloss Herzberg zu Gast sein. Zuvor liest um 18 Uhr Gunnar Kunz aus „Schwarze Reichswehr“ und um 19.30 Christine Brand aus „Blind“. Ob Marc Elsberg überwiegend lesen oder über die
Hintergründe von „Gier“ informieren wird, entscheidet der Autor natürlich selbst, auf jeden Fall aber dürfte es ein äußerst spannender und vermutlich auch durchaus beklemmender Abend werden.
Diese Rezension gibt es auch als Video auf Youtube unter

https://youtu.be/wE9RTZg40Zw

Mehr zu Mordsharz gibt es wie gewohnt unter www.mordsharz-festival.com


Ulf Annel legt neue Minibücher vor

Ulf Annel Kleines Tucholsky-Buch
Zwei neue Bücher im Miniformat sind da, beide erschienen in der Westentaschen-Bibliothek des Rhino Verlages, der zur Verlagsgruppe grünes herz gehört.
 
Im 40. Jahr des Erfurter Kabaretts "Die Arche" - wo die viel gelobte Tucholsky-Revue "Guck mal, wie süß!" läuft - freut sich Autor Ulf Annel, dass er ein Kleines Tucholsky-Buch schreiben durfte. Kurt Tucholsky ist schon sehr viel mehr Jahre tot, als "Die Arche" lebt, und doch sind seine politischen Texte von einer erstaunlichen Aktualität. Und dazu kommen viele fröhlich-freche Chansons, Texte zu Männern und Frauen u.v.m. Davon nur ein winzig kleiner Auschnitt in meinem Buch. Die kürzestknappsten deutschen Blödelgedichte heißen Schüttelreime. Manchmal ist bei allem Geblödel auch etwas Geniales dabei. Nach "Geschüttelt, nicht gerührt" und "Kummerschluss mit Schlummerkuss" nun maritime Schüttelreime. Wieder eine kleine Verbeugung vor der "Lieblingserholungsregion" Ulf Annels. Küstenwind küsst Wüstenkind - Maritime Schüttelreime

Liebeslust und Liebesfrust – alles nur ein Spiel?

Diana Damrau und Jonas Kaufmann singen Hugo Wolfs „Italienisches Liederbuch“ / Von Dr. Eberhard Kneipel
Diana Damrau Jonas Kaufmann Italienisches Liederbuch

Ein Operngenie wäre er gern gewesen; der letzte große Liederkomponist des 19. Jahrhunderts ist er geworden – ein Großmeister der kleinen Form. Und wenn er die schönen Verse „Auch kleine Dinge können uns entzücken,/ auch kleine Dinge können teuer sein./ Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken;/ sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.“  an den Anfang seines „Italienischen Liederbuches“ stellt, so können sie sowohl als Motto dieser wunderbaren Miniaturensammlung als auch als Essenz eines ganzen Künstlerlebens gelten. Doch Hugo Wolf, 1860 in Windischgrätz geboren und 1903 bei Wien in geistiger Umnachtung gestorben, war so glücklich nicht, wie manche seiner Melodien klingen - sein Schaffen fand bei den Zeitgenossen selten jene Resonanz, die es verdient hätte. Das ist auch bei seinem letzten großen Meisterwerk nicht anders, dem „Italienischen Liderbuch“ (1891/92). Diese 46 Gesänge - Florentiner Volksdichtung von Paul Heyse poesievoll in deutsche Verse übertragen - sind jene kleinen Kostbarkeiten, die immer neu „entzücken“ – vor allem mit solchen Interpreten, wie sie das Label Erato im Live-Mitschnitt aus dem Alfred-Krupp-Saal der Philharmonie Essen präsentiert. Sie sorgen für schönsten Perlenglanz ...

Diana Damrau und Jonas Kaufmann sind die deutschen Superstars der internationalen Opernszene, und ihre Auftritte auf den großen Bühnen der Welt begeistern Millionen - ihre Kunst umfasst aber auch die intimen Momente des Liedes, Beide singen nun gemeinsam Hugo Wolfs romantischen Liderzyklus und finden an der Seite ihres großen Klavierpartners Helmut Deutsch ihre ganz individuelle Interpretation: Die fast vier Dutzend Momentaufnahmen von vielen Facetten der Liebe werden zum Zwei-Personen-Drama. Schwärmerei, zärtliche Annäherung, Verführung, Misstrauen, Eifersucht, Streit, Verzeihung, Beschimpfung, Kränkung und erneute Versöhnung: Schier unendlich sind die Spielarten der Liebe. Hinreißend ist es, wie der poetische Reichtum in den beiden Stimmen widerklingt. Ein klarer, anmutiger und inniger Sopran, dem Koketterie und Übermut, Zorn und Spott nicht fremd sind. Ein schwärmerischer Tenor, dessen wunderbar beseeltes Timbre eine ganze Welt an Gefühlen einfängt und in sich trägt. Und am amüsierten Gemurmel und Lachen des Publikums merkt man, dass der Pianist nicht nur perfekt bei seiner Sache ist, sondern auf eigene Weise auch zur Szenerie auf der Liederbühne beiträgt. Die Liebes-, Spott- und Streit-Dialoge gestalten Damrau und Kaufmann ideenreich als wirkungsvollen Handlungsablauf: Ihre Neugruppierung der Lieder schafft größere Bögen, macht einzelne, höchst intensive Momente zu ganzen Szenen und legt eine nie dagewesene Dramatik frei. Elegant und  voller Vitalität! Die drei Künstler machen den Witz, den Pointenreichtum, die Ironie und den expressiven Gehalt dieser Lieder von Hugo Wolf zu einem beglückenden Erlebnis: Die kleinen Dinge entzücken über alle Maßen! Und Hugo Wolf hat dann doch noch eine große Oper komponiert: „Der Corregidor“. Sie wurde 1896 erfolgreich in Mannheim uraufgeführt; die Wiener Hofoper hatte kein Interesse gezeigt ...

Hugo Wolf, Italienisches Liederbuch / Diana Damrau, Sopran; Jonas Kaufmann, Tenor; Helmut Deutsch, Klavier // Warner Classics/ Erato, CD 0190295658683; TT 76:34


Einblicke in alte Handschriften

Ausstellung zur „Mildenfurther Klosterbibliothek“ in Jena
Mildenfurther Klosterbibliothek Ausstellung FSU Jena

Als das 1193 bei Weida gegründete Prämonstratenserkloster Mildenfurth in den Wirren der Reformation unterging, fanden repräsentative Reste seiner einst bedeutenden Bibliothek über Wittenberg und Weimar schließlich nach Jena, in die heutige Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB). Dort blieben sie als historische Bestandsgruppe fast ein halbes Jahrtausend weitgehend unbeachtet. Mit der Tiefenerschließung der Jenaer Handschriftenbestände, deren erste Ergebnisse 2002 vorgelegt wurden, eröffneten sich indes für die Erforschung der Klosterbibliothek neue Perspektiven. Zudem widmeten sich im Rahmen eines Seminars bei Prof. Dr. Christoph Fasbender Studierende der TU Chemnitz dieser forschungsseitigen Leerstelle. Entstanden ist neben umfangreichen Hintergrundinformationen zu den Handschriften auch eine Ausstellung. Diese Exposition „Do wart och Mildenfort reformert – Neue Einblicke in die alte Mildenfurther Klosterbibliothek“ ist im Vortragssaal des Bibliothekshauptgebäudes der ThULB, Bibliotheksplatz 2, in Jena bis 13. Dezember 2019 (Mo. bis Fr., 9 bis 16 Uhr) zu besichtigen. Zur Bücherschau erscheint ein ca. 140-seitiger, farbig illustrierter Katalog. Die Ausstellung zeigt nicht nur erstmals sämtliche erhaltenen Mildenfurther Handschriften und Drucke des 10. bis 16. Jahrhunderts. Sie versucht zudem, das Wachsen und Werden der spätmittelalterlichen Bibliothek im Zeitalter der Kirchenreformen – und als deren Ergebnis – zu verstehen. Die Präsentation in Jena ist Teil des EU-Projektes „Kulturweg der Vögte“ (https://www.kulturweg-der-voegte.eu/de/) und wurde im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) der Europäischen Union gefördert.

Auf einen Blick: Ausstellung „Do wart och Mildenfort reformert – Neue Einblicke in die alte Mildenfurther Klosterbibliothek“ - zu sehen bis 13. Dezember 2019, Montag bis Freitag, 9.00 bis 16.00 Uhr, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Hauptgebäude, Zimelienraum, Bibliotheksplatz 2, 07743 Jena

Abbildung: Detail mit Drachendarstellung in einer Bibel aus dem 13.Jahrhundert, die in der neuen Ausstellung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena zur Mildenfurther Klosterbibliothek gezeigt wird. (Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)


Musik der Seele

Das Berlin Recital von Yuja Wang bei der Deutschen Grammophon / Von Dr. Eberhard Kneipel

Yuja Wang mag Russen. Die Weltklasse-Pianistin, die in Peking geboren wurde und im Alter von sieben Jahren ihren ersten Unterricht erhielt, die als Vierzehnjährige in das prestigeträchtige Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen wurde und der 2007, noch als Studentin, beim Boston Symphony Orchestra mit Tschaikowskis b-Moll-Konzert der internationale Durchbruch gelang, hatte Lehrer, die aus der legendären russischen Klaviertradition hervorgegangen sind und von Giganten des Klavierspiels wie Alfred Cortot und Vladimir Horowitz, Artur Schnabel und Isabelle Vengerova beeinflusst waren. Technische Bravour, emotionaler Tiefgang und reiche Fantasie sind das Erbe, das Yuja Wang von ihnen empfing und  das sie nun souverän verwaltet. Die russische Musik hat ihr eine innere Welt erschlossen, und die russische Musik – in China weit verbreitet und gut bekannt - war es auch , die ihr den Zugang zur westlichen Klassik öffnete. 

Russische Romantik und moderne Miniaturen aus dem späten 20. Jahrhundert füllen denn auch ihr Berlin Recital, das sie im noblen Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie live eingespielt und das die Deutsche Grammophon veröffentlicht hat. Live – das liebt sie besonders. Und die Werke – die liegen ihr am Herzen: „Die russischen Stücke bringen irgendwie alle Emotionen heraus, die Gefühle der Sehnsucht in uns. Wir fühlen uns durch und durch menschlich durch sie. Aber gleichzeitig erscheinen sie überlebensgroß. Sie handeln von etwas, das gewaltiger ist als wir, dabei bleiben sie zugleich unterhaltsam fürs Publikum. Die Komponisten sind sehr unterschiedlich, das wird deutlich, wenn man mein neues Album hört.“

Grandios der Beginn, überwältigend der Schluss! Sergej Rachmaninows berühmtes Prélude g-Moll – ein pianistisches Feuerwerk: kraftvoll, ungestüm, stolz. Eingebettet eine schöne, wunderbar aufblühende Melodie. Solche Kontraste zeigen auch die beiden Bilder-Etüden. Die eine unruhig wogend und turbulent; die andere verhalten und nachdenklich. Und das Prélude Opus 32/10 komplettiert den romantischen Stimmungszauber durch wehmutsvolle Töne. Gänzlich anders dann die Welt der 10. Sonate von Alexander Skrjabin. Mystisch. Rätselhaft. Dissonante Klangreize und chromatische Leuchtkraft. Virtuoses Glitzern und ein impressionistisch anmutendes Flirren, Ein Schwirren und Hüpfen der Töne, das den Beinamen „Insekten-Sonate“ einsichtig macht. Die Vielschichtigkeit und Vielfalt von Rhythmen, Klängen und unablässig fließenden Verläufen formen die drei ausgewählten Etüden des Ungarn György Ligeti – brillante Miniaturen, die für die Pianistin alles andere als spielerische „Kleinigkeiten“ sind. 

Und dann die 8. Klaviersonate B-Dur von Sergej Prokofjew, die letzte seiner „Kriegssonaten“, die Emil Gilels im Dezember 1944 uraufgeführt hat. Mit ihr reiht sich Yuja Wang in die Reihe ihrer Vorbilder Gilels und Swjatoslaw Richter ein. Und Richter hat diese großartige und erhabene Musik auch beschrieben: „Sie enthält ein ganzes Menschenleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten … einen Reichtum wie ein Baum, dessen Zweige die Last der Früchte zu tragen haben.“ Lyrische Themen und philosophische Reflexionen, eine elegante Tanz-Episode, die in Franz Schuberts Ländler-Welt entführt, Sarkasmen und Ironie und ein kraftvoll zielstrebiges Voranschreiten, das am Schluss an den  nachdenklichen Beginn erinnert, umfassen einen Kosmos des Geistes und der Seele. Und Yuja Wang bringt das alles  in ihrem Berliner Album zum Klingen – hinreißend und authentisch. Sie kennt die russische Seele ... 

Abbildung: Yuja Wang, The Berlin Recital: Rachmaninow, Skrjabin, Ligeti, Prokofjew //Deutsche Grammophon, 1 CD 483 6280


Ein außergewöhnliches Leben

In seiner Autobiografie enthüllt Musik-Ikone Elton John die Wahrheit über sein außergewöhnliches Leben: „Ich. Die Autobiografie“ ist die humorvolle, ehrliche und bewegende Geschichte einer lebenden Legende.
Elton John Autobiografie

Er ist Musikgenie, Paradiesvogel und einer der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten. »Your Song«, »Tiny Dancer« und »Candle in the Wind« sind nur einige von unzähligen Hits seiner beispiellosen Karriere. Erstmals erzählt der Ausnahmemusiker Elton John jetzt die Geschichte seines wechselhaften Lebens.

In Ich. Die Autobiografie schreibt der Künstler kraftvoll von seinen Anfängen als Musikstudent und seinem Coming-out, vom Höhepunkt seiner Karriere in den 70ern, von seinen Freundschaften zu John Lennon, Freddie Mercury, George Michael und Prinzessin Diana und vom Überwinden seiner jahrelangen Drogensucht. Er erzählt von seiner großen Liebe David Furnish und wie er Vater wurde. Mit ehrlichem, warmem Ton schreibt Sir Elton John über seine Beziehungen, seine Leidenschaften und seine Fehler und blickt schonungslos offen zurück auf ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte.

Verleger Tilo Eckardt: „Ich biete eine Wette an: Sprechen Sie den erstbesten Menschen auf der Straße auf Elton John an, und sie oder er wird lächeln. Die Themen seines unerhörten musikalischen Könnens waren immer die Liebe, die Freundschaft, das Leben – in den lichtesten und schwersten Momenten. Deshalb gewinne ich meine Wette: Weil Elton John in unserem kollektiven Gedächtnis mit seinen unzähligen Melodien und Liedzeilen gute Gefühle auslöst. Ohne ihn und seine Kunst wäre unser Leben grauer und untröstlicher. Seine Autobiografie feiert das bunte Leben. Oder kurz: lest! Er schreibt unser Lied.“


Prächtige Farben, virtuoses Spiel, eindrucksvolle Auftritte

Neues von Reznicek und Graener beim Label cpo - und die Weimarer Staatskapelle ist auch dabei / Von Dr. Eberhard Kneipel

Dass dem Entdecker-Label cpo immer wieder Überraschungen gelingen, wissen wir längst. Dass die Überraschung aber so groß sein würde, wie bei Emil Nikolaus von Reznicek, das hat zusätzlich überrascht. Denn als Markenzeichen dieses österreichisch-deutschen Komponisten gilt die Ouvertüre zu seiner Oper „Donna Diana“ - ein elegantes, spritziges Stück, das die Programme von Wunschkonzerten und Volkstümlichen Konzerten dominiert hat, als es die noch in Hülle und Fülle gab. Ein Ohrwurm sozusagen - und eine glänzende Visitenkarte obendrein. Doch schon die Oper ist kaum bekannt, obwohl der Komponist viel Zeit und drei Fassungen auf sie verwendet hat. Und dass er auch gewichtige Orchester-und Bühnenwerke und außergewöhnliche Kreationen („Eine Tanz-Symphonie“) mit witzigen Sujets („Goldpirol“, „Wie Eulenspiegel lebte“) in großer Zahl schuf und hinterließ, das lag bis vor vier Jahren, als die ersten CDs mit den Sinfonien erschienen sind, außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Seither jedoch hat dieser Musiker, der 1860 in Wien geboren wurde und 1945 in Berlin starb, der sorglos aufwuchs und später von Sorgen nicht verschont blieb, dessen Schaffen von vielerlei Quellen gespeist und der vielerorts bekannt wurde, enormen Eindruck gemacht. Und die Frage stellt sich , warum er heutzutage im Theater- und Konzertbetrieb so wenig vertreten ist… 

Jetzt trumpft cpo mit der zwölften und wohl letzten Veröffentlichung der Reznicek -Edition auf und zieht mit drei Orchestersuiten ein faszinierendes Fazit. Leicht und elegant, fantasie- und farbenfroh, voller Frische, mit Spaß an klanglichen Szenerien und ironischen Spielereien kommen sie daher. Die „Karneval-Suite im alten Stil“ (1935) kredenzt einen prächtigen musikalischen Aufzug mit allen Figuren der Commedia dell’ arte. Die „Traumspiel-Suite“ (1915) reiht sechs atmosphärisch dichte Stimmungsbilder zu Strindbergs Schauspiel aneinander. Und die Symphonischer Suite Nr. 1 (1882) ist eher eine dreisätzige Sinfonie für großes Orchester - aber mit locker wechselnden Emotionen und Kontrasten an Stelle intensiver thematischer Arbeit. Dass bei dieser CD die Weimarer Staatskapelle unter Stefan Solyom mit von der Partie ist, begeistert und erfreut ebenso wie die Musik selbst. Wir erleben das brillante, farbige und hinreißende Spiel eines Orchesters, dass sich hingebungsvoll einem Komponisten widmet, der hier selbst für kurze Zeit am Dirigentenpult gestanden hat. Eine tolle Aufnahme! 

Auch mit der Wiederentdeckung und Neu-Präsentation der Werke von Paul Graener (1872-1944) hat das Label cpo für Überraschung und Aufsehen gesorgt. Eben ist die fünfte - und sicher nicht die letzte - Folge erschienen; über die vierte und über den Musiker, einen Zeitgenossen und zeitweiligen Leidensgefährten Rezniceks im „dritten Reich“, hatten wir im März 2015 unter dem Titel „Von der Reichsmusikkammer ins Armengrab“ berichtet. Die drei Konzerte der neuen CD sind höchst verschieden - nicht nur, was die Solo-Instrumente angeht, sondern auch, was den Ausdruck und die Schaffensumstände betrifft. Solide Handwerkskunst zeigt das Cello-Konzert - ein wahres deutsches Meisterstück. 1927 in Berlin uraufgeführt und dem berühmten Paul Grümmer zugeeignet, lässt der transparente Orchesterklang dem solistischen Auftritt viel Raum, während der kantable und empfindungsvolle 2. Satz sich dem Hörer besonders tief einprägt. Und das trifft für das 1937 ebenfalls in Berlin uraufgeführte, hoch inspirierte Violinkonzert ganz und gar zu: Von sinfonischem Gewicht, voller harmonischer Finessen und reizvoller Impressionen, zeigt es den Komponisten auf einem Gipfelpunkt seines Schaffens. Noch einmal ganz anders sein letztes vollendetes Werk, das 1944 inmitten von Krieg und Zerstörung entstandene Flötenkonzert. Dem Schlusssatz dieses freundlich-innigen, von großer Musizierlust getragenen Stückes liegt das deutsche Volkslied „Freut euch des Lebens“ (1793) zugrunde. Paul Graener bleibt Optimist, trotz aller Schicksalsschläge. Und er mahnt, in dunklen Zeiten den Lebenswillen nicht zu verlieren. Die Uraufführung aber hat er nicht mehr erlebt. Mit den Solisten Vladimir Sinkevich, Henry Raudales und Christiane Dohn, dem Münchner Rundfunkorchester und dem Dirigenten Ulf Schirmer haben sich auch hier engagierte Interpreten mit einer eindrucksvollen Wiedergabe hervorgetan. Die Neugier auf die Fortsetzung der Serie hält an …

Emil Nikolaus von Reznicek, Karneval-Suite, Traumspiel-Suite, Symphonische Suite / Weimarer Staatskapelle, Stefan Solyom // cpo 1 CD 555 056-2

Paul Graener, Orchesterwerke IV: Cello Concerto op. 78, Violin Concerto op. 104, Flute Concerto op. 116 / Vladimir Sinkevich, Henry Raudales, Christiane Dohn; Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer // cpo 1 CD 777 962-2

 


Von der MET zum Broadway

Renée Fleming überrascht mit einem neuen Album bei DECCA / Von Dr. Eberhard Kneipel

Nun hat sie es auch getan! Und sie hat es geschafft! Aus der Opern-Diva wurde ein Musical-Star. Längst sind ihr Name und ihre Stimme zum Synonym für die großen Opernhäuser dieser Welt, für die schönsten Rollen des Repertoires und für exklusive Musik-Erlebnisse geworden.  Wir kennen und bewundern Renée Fleming als Marschallin in „Der Rosenkavalier“, als „Tatjana in „Eugen Onegin“ und als Wassernixe in „Rusalka“; sie beeindruckte mit Liedern von Franz Schubert, und ihre Interpretation der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss mit Claudio Abbado und dem Festspielorchester Luzern wurde legendär! Nun aber ist die amerikanische Sopranistin in die Traumwelt des Musicals eingetaucht und tut dies mit einer Selbstverständlichkeit,  die überrascht und begeistert.  Und das nicht zuletzt wohl deswegen, weil ihr Trip von den gewichtigen Partien der ernsten Musik in die glitzernden Gefilde der leichten Muse kein „Fremdgehen“ ist: Mit ihrem neuen Album kehrt Renée Fleming zu ihrer ersten Liebe zurück, die seit ihrer Kindheit anhält. Und wenn man sie mit diesen 17 Songs erlebt, will man kaum glauben, dass sie damit ein CD-Debüt gibt. Doch schon in der Vergangenheit hat sie ihre Aufgeschlossenheit und Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, und ihre warme Stimme besitzt noch immer eine Frische, die fasziniert - sie vermag ihre Liebeserklärung an den Broadway mit wunderbarer Souveränität und Leichtigkeit zum Ausdruck zu bringen: bezaubernd und hinreißend; mal mit unschuldiger Naivität, mal mit überschwänglicher Lebensfreude, mal mit bittersüßer Melancholie, mal mit verträumter Verliebtheit.  Eine lässige Klangschönheit, die total in Bann zieht!
Komponisten wie Andrew Lloyd Webber und Cole Porter, Stephen Sondheim und Rogers & Hammerstein haben das Album inspiriert. Hits und Ohrwürmer aus Stücken wie „The Music Man“ und „The King and I“ oder  „A Little Night Music“ und „South Pacific“ liefern Vorlagen voller Charme und Eleganz. Und aufwändige Arrangements machen passgenau mit prächtigem Orchesterklang und auch mit jazzigem Combo-Drive den Zauber der Stimme und den Reiz der Musik zu einem abwechslungsreichen, beglückenden Hör-Vergnügen. Diese swingenden Glanzlichter zeigen Renée Fleming auch am Broadway ganz in ihrem Element – sie fängt alles ein, was die New Yorker Theaterszene ausmacht: berührende Geschichten, Glamour und zeitlos schöne Melodien ... Der  Trip dorthin hat sich gelohnt!

Renée Fleming, Broadway // DECCA, 1 CD 483 4215


Klanglandschaften und Tonskulpturen

Komponisten-Porträt von Jörg Widmann bei Wergo / Von Dr. Eberhard Kneipel

Ab und zu lohnt es schon, einen Blick in die oberen Ränge der Komponistenzunft von Heute zu werfen und zu betrachten, was die Meister der E-Musik antreibt, was sie beschäftigt und was sie kreieren – auf das also, was uns der Konzertalltag in der Regel vorenthält: Zu ungewohnt,  zu kompliziert, zu unzugänglich bleiben ihm die Klänge, die Farben, die Formen. Lässt sich der neugierige Blick jedoch nicht abhalten, wird er gar forschend, dann kann er unerwartet verlockende und lohnende Momente entdecken. Dafür bietet sich die neue CD des Mainzer Moderne-Labels Wergo geradezu an. Bereits die Titel der Werke wecken fantasievolle Vorstellungen: „Polyphone Schatten“ (2001) und „Drittes Labyrinth“ (2013/14) für Solisten und Orchestergruppen. Auch der Komponist darf höchste Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: Jörg Widmann (Jahrhang 1973) nimmt – wie zuvor seine Vorbilder und Lehrer Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm – eine herausragende Position unter den Musikern seiner Generation und unserer Tage ein. Erst im März 2018 hat er das als „Composer in residence“ mit der Uraufführung seiner „Partita - Fünf Reflexionen für großes Orchester“ in Leipzig bestätigt - zum Amtsantritt von Andris Nelsons, dem 21. Gewandhauskapellmeister. Und als Klarinettist und Dirigent macht Widmann ebenso von sich reden – und diese Personalunion bestimmt und durchdringt sein gesamtes Schaffen und Wirken. Da verwundert es nicht, wenn er auch als Solist auf seiner  Porträt-CD in Erscheinung tritt: In dem Stück „Polyphone Schatten – Lichtstudie II“ für Viola, Klarinette und Orchestergruppen gibt er gemeinsam mit dem Bratschisten Christophe Desjardins als kongenialem Dialog-Partner die Impulse für eine weit ausschwingende Vielstimmigkeit der Klänge und Geräusche. Und in „Drittes Labyrinth“ für Sopran und Orchestergruppen mit der exzellenten Solistin Sarah Wegener vereint Widmann das Spiel der Instrumente mit dem Stammeln, dem Gelächter und dem Gesang der Vokalpartie und deren imaginären Partner zu einer atmosphärisch-verstörenden Szene zwischen einem Mann und einer Frau, der Friedrich Nietzsches „Klage der Ariadne“ und der „Asterion“-Text von Jorge Luis Borges das Wort-Material liefern. Die Stimme wandelt zwischen den Instrumenten, irrt durch den Raum, sucht ihr Gegenüber, einen Widerhall und den Weg ins Freie. Doch ob im „Labyrinth“ oder in „Schatten“– hier wie dort wird am und mit dem Ton gearbeitet, werden die Klangfarben und Verlaufsformen quasi modelliert. Prägnante Themen und nachvollziehbare Entwicklungen aber können wir freilich nicht erwarten - stattdessen zieht uns „gestisches Musizieren“ in seinen Bann: Aktion und Reaktion. Sensibles Tasten und energisches Ausgreifen. Zarte Tonpunkte und gewaltige Klangkaskaden. Feine Linien und ausufernde Flächen. Magisches Dunkel und geheimnisvolles Leuchten. Aus dem Nichts wachsend und nach gewaltigen Kulminationen wieder im Nichts verschwindend. Und ein Gesang, der ständig an Umfang, Ausdruck und Präsenz gewinnt ...        Solches Interagieren zwischen Solisten, Gruppen und wechselnden Klangquellen erschafft eine spannende  Szenerie von Raumklängen. Und nicht zuletzt fasziniert die Musik durch den Reiz und die Suggestion des Unerwarteten, durch fortwährende Überraschung. „Kontrolle – Schweben, Freiheit - Setzung und wieder Freiheit“:  Wie also Jörg Widmann seine Tonskulpturen und Klanglandschaften plant, formt und baut, und wie diese vom WDR Sinfonieorchester unter Heinz Holliger und Emilio Pomàrico eindrucksstark realisiert werden, das lässt dem Hörer viel Raum für eigene Visionen, Erlebnisse und Reflexionen  ... Ein Hörabenteuer! Aber ohne Neugier geht es nicht ...

Jörg Widmann: Drittes Labyrinth, Polyphone Schatten / Sarah Wegener,  Christophe Desjardins, Jörg Widmann / WDR Sinfonieorchester, Emilio Pomàrico, Heinz Holliger // Wergo 1 CD WER73692 (Laufzeit 59:59)


Kennst Du Theodor Fontane?

Texte von Theodor Fontane für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Sebastian Hennig.

Sebastian Hennig, Maler, Grafiker und Publizist,ist wie Theodor Fontane (1819–1898) ein Wanderer sowohl im Geiste als auch in gut eingelaufenen Wanderstiefeln.Dabei hat er vor allem seine sächsische Heimat und die Jahrzehnte um die vorletzte Jahrhundertwende im Blick. Maler wie Otto Altenkirch (1875–1945) und Carl Schuch (1846–1903; vgl. CATO, Heft No. 4/2018) begeistern ihn. Zu den Schriftstellern, die ihn schon zu eigenen Werken inspiriert haben, zählen Wilhelm von Polenz(1861–1903) und Edgar Hahnewald (1884–1961). Letzterem folgte er mit einer klugen Reportage, welche 2017 unter dem Titel Unterwegs in Dunkeldeutschlandim Verlag C. C. Meinhold & Söhne in Dresden erschien. War er – als Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband Thüringen (FDA) – mit Moritz August Thümmel, Otto Ludwig und Jean Paul auch in Thüringen schon unterwegs, so begibt er sich nun also mit Hilfe des Bertuch-Verlags Weimar auf Fontanes literarische Spuren in die Mark Brandenburg und lädt junge Leute dazu ein, ihm zu folgen. Seine intensive Bekanntschaft mit Fontane geht auf eine seiner Lehrerinnen zurück, die es wohl tatsächlich verstanden hatte, ihren Schüler(inne)n Literatur überzeugend zu vermitteln. Nun ist der Schüler an der Reihe, ein Gleiches zu tun. Sebastian Hennig, der sehr wohl auch „anders kann“, erweist sich hierin, wie in seinen Bildern, als ein Meister der leisen und der Zwischentöne. Behutsam didaktisch erschließt er jungen Lesern den nur scheinbar so zeitenfernen Dichter. Entstanden ist eine kommentierte Blütenlese(oder Anthologie)mit Bezügen zur Gegenwart, die wohl nicht jedem ohne weiteres eingefallen wären. Das selbstlose Handeln despflichtbewussten Steuermannes „John Maynard“ (1841) setzt er in Beziehung zum unwürdigen Abgang des Kapitäns der „Costa Concordia“ 2012; anhand der 1859 entstandenen Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ weist er auf die nun schon über zwei Jahrhunderte währende fatale Kontinuität der Aggressionen gegen die einst so stolzen Stämme der Paschtunen hin. Damit setzt er eine der besten Traditionslinien in der deutschen Literatur fort. In den Briefen eines Verstorbenen hatte der Fürst Pückler um 1830 beispielsweise bereits den Irland-Konflikt in seiner ganzen damaligen wie heutigen Tragweite beschrieben. Über die von ihmhauptsächlich aus Fontanes Romanen Irrungen und Wirrungen und DerStechlinausgewählte Prosa schreibt Sebastian Hennig: „Wer zupackende Spannung erwartet und in kraftvolle Auseinandersetzungen hineingezogen werden will, der wird sich in den ruhigen gleichmäßigen Fortgang des Erzählens bei Fontane erst hineinfinden müssen. Die Geduld wird belohnt werden. Trotz aller Beschaulichkeit geht es letztlich sehr leidenschaftlich zu. Im Mittelpunkt steht der moderne Mensch, das Individuum, welches mit seinen Neigungen ständig in Widerspruch zu anderen Individuen gerät. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“Für ihn stellt das Lesen Fontanes wie das „Wandern und Wundern“, das Gehen zu Fuß, ein Innehalten, ein Verweilen in zahlreichen Augenblickendar, welches heute wie zur Zeit des griechischen Bildhauers Phidias auch erlaubt, ex ungue leonemvon Teilen auf das Ganze zu schließen. Man muß sich für die Details nur genügend Zeit nehmen.

Kennst Du Theodor Fontane? Texte von Theodor Fontane für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Sebastian Hennig. Weimar: Bertuch Verlag 2018. (Bertuchs Weltliteratur für junge Leser, Bd. 17.) 158 Seiten 8°, Broschur, 38 SW-Abb. ISBN 978-3-86397-055-0. 14,80 Euro.


Große Opern – große Bilder – große Emotionen

Open-air-Attraktionen der Bregenzer Festspiele als DVD-Box von CMajor / Von Dr. Eberhard Kneipel

Bregenz, die Festspiele, die Seebühne! Das ist ein fantastischer Ort für magische Wasser-Spiele und die einzigartige Verbindung von grandioser Naturkulisse und großer Opernkunst. Das ist ein Ort, der immer wieder und immer neu zum Magnet für unzählige Besucher wird, die das Besondere genießen wollen und die stets außergewöhnlich kreative Inszenierungen erleben können. Und es ist ein Ort, der den Mitwirkenden eine Ehre ist und ihnen immer neue Herausforderungen bietet - für Künstler mit bedeutendem Namen und Ruf: Regisseure wie David Pountney, Graham Vick oder Kasper Holten; für Ausstatter wie Paul Brown, Ed Devlin oder das Multi-Talent Marco Arturo Marelli; für Dirigenten wie Carlo Rizzi, Ulf Schirmer oder Paolo Carignani. Die überwältigende Klangkulisse zur Szene erschaffen die Wiener Symphoniker und beeindruckende Chöre, und die vokale Feinarbeit leisten viele Solistinnen und Solisten, deren Namen sich hier nicht auflisten lassen. Sie kommen aus aller Welt, und sie sind alle Stars ...

Allein das schon reichte für ein grandioses Gesamtkunstwerk aus, doch Bregenz zaubert immer wieder noch ein Ass aus dem Ärmel - nicht nur bei Bizets „Carmen“, in der das Kartenspiel über Liebe und Tod entscheidet und wo das Bühnenbild mit überdimensionalen Spielkarten das Geschehen symbolisiert. Auch andere Aufführungen haben Trümpfe auszuspielen, um See und Bühne fantasievoll zu verbinden und mit spektakulären Bildern für große Opern zu begeistern: In Verdis „Aida“ bringen atemberaubende Effekte das alte Ägypten und das moderne Amerika auf die Bühne; der See wird zum Nil mit den Ruderbooten der Priesterinnen und Priester. Für„Carmen“ sind die unablässig wogenden  Wellen ein Sinnbild von Leidenschaften und Obsessionen, und am Ende wird das Wasser zum Grab. Die Turbulenzen der französischen Revolution in Umberto Giordanos Operndrama „Andrea Chénier“ werden in gigantischen Aufbauten, multiplen Bild-Sequenzen und sensiblen Charakterzeichnungen sichtbar. Mozarts „Zauberflöte“ erscheint als Fantasy-Spektakel, das sich um die ewigen Fragen des Daseins dreht und dem der Bodensee den faszinierenden Rahmen gibt. Und Puccinis „Turandot“ bringt Hollywood nach Bregenz: Melodien für Millionen als eindrucksvolle Monumental-Show inszeniert ...

Die Box mit fünf DVDs/Blu-ray Discs ruft nicht nur die Festspiel-Höhepunkte der Jahre 2010 bis 2017 in Erinnerung und macht den einzigartigen Zauber der Seebühne wieder gegenwärtig - die von Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka präsentierte Edition realisiert auch jenen Anspruch, den David Pountny, ihr Vorgänger, auf den Punkt gebracht hatte: „Kunst gehört nicht einem kleinen Kreis der Gesellschaft. Kunst ist ein Juwel, ein Reichtum, den man einem großen Publikum zugänglich machen muss.“ Und nun kann ihn sogar jeder in den Händen halten ...

Bregenz Festival – Oper auf der Seebühne: Aida / Andrea Chénier / Die Zauberflöte / Turandot / Carmen // CMajor/ Unitel Classica 745 904 - 5 Blu-ray Disc / 5 DVD

 


Das kleine Buch der Thüringer Trachten

Zwei junge Leute, sie mit Goldhaube in weißen Taft gehüllt, er im schwarzen Bratenrock mit Dreispitz reicht ihr den Myrrtenkranz, zieren den Buchtitel. Sie kommen aus Oberdorla, dort wo der Dorfanger am größten ist. Im RhinoVerlag in Ilmenau ist mit diesem Bild in der Reihe der Westentaschen-Bibliothek das kleine Buch „Thüringer Trachten“ erschienen. Autor ist Thüringens „Trachtenmann Nummer Eins“ Knut Kreuch, der vor genau 20 Jahren sein erstes Buch über die Kleidung des Freistaates „Trachtenland Thüringen“ vorlegte. Nun hat Kreuch eine neue Form gefunden, um Tracht dem Menschen ans Herz zu legen. „Ich wollte gern eine kleine Form, die in jedes Trachtenkörbchen, jede Manteltasche oder sogar ins Strumpfband passt. Wir sind in unseren Trachten jährlich viele Kilometer als Botschafter unserer Heimat unterwegs und da muss man ganz praktisch auch immer etwas dabei haben, was die Leute von uns zu Hause behalten“ so der seit Jahrzehnten für die Heimat- und Trachtenpflege engagierte ehrenamtliche Landesvorsitzende.

Auf 92 Seiten erzählt Autor Knut Kreuch ohne Anzüglichkeiten den Weg von den alten Kleiderordnungen zur Tracht, verfolgt die Geschichte der Thüringer Tracht und der ersten Vereine und er nimmt seinen Leser mit auf Wanderschaft durch die Thüringer Trachtenlandschaft sozusagen von Verein zu Verein. Abschließend klärt er auf, wie man im Jahr 2018 eine Tracht bekommt. Man merkt, das Buch hat ein Trachtenträger geschrieben, es sprüht von der Liebe zum historischen Gewand, von der Geschichte, die sich mit jedem einzelnen Kleidungsteil verbindet. Das Buch bleibt natürlich aktuell, es ist kein Geschichtsbuch für Leute von Gestern, es zeigt Menschen, die im 21. Jahrhundert gern ihre Trachten tragen in allen Regionen Thüringens. Auf 92 Seiten illustrieren 43 farbige Aufnahmen die Pracht und Vielfalt der Thüringer Trachtenlandschaft. „Das kleine Buch ist einmalig für die Trachtenlandschaft in Deutschland“ freut sich Landesgeschäftsführerin Eva Kowalewski „bisher hat kein Landesverband ein so handliches Buch über seine Trachten und Trachtengeschichte.“

Das Buch ist zum Preis von 5,95 € in allen guten Buchhandlungen erhältlich.