KUSPI-Blog

Open Your Ears - Wege zur Neuen Musik

Arthaus Musik präsentiert die legendäre Sendereihe mit den großen Vertretern der Nachkriegsmoderne / Von Dr. Eberhard Kneipel

Der Dirigent Gerd Albrecht war nicht nur ein Meister des Taktstocks, er war auch ein Pionier der Musikvermittlung. Er hat sich für die neue Musik und deren Schöpfer engagiert und den Reiz und die Möglichkeiten des Mediums Fernsehen für sich entdeckt. Er wollte seinen Beitrag zur musischen Bildung leisten, die er im Argen fand, und er besaß das rare Talent, die Welt der Töne feinsinnig und verständlich zu erklären und erlebbar zu machen. Solcherart motiviert und befähigt, initiierte er im Januar 1986 die Fernsehreihe „Wege zu Neuer Musik“, für die er den Sender Freies Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester als Partner gewinnen konnte. Bis März 1995 stellten sie gemeinsam vierzehn Veranstaltungen auf die Beine. Dann begann die Quote zu herrschen, und die preisgekrönte Reihe  entfiel; sie geriet aber nicht in Vergessenheit und hatte 2010 - 2012 ihr Revival „Ganz Neu – Ganz Nah“ mit dem Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin. „Mich hat die Begegnung mit den Komponisten fasziniert, die Diskussion zwischen einem primär schöpfenden und einem  nachschöpfenden Menschen kann unglaublich spannend sein.“ 

Gerd Albrecht hatte den Wunsch, diese Gesprächskonzerte seinen Hörern auf Dauer zugänglich zu machen. Und der hat sich Jetzt erfüllt: Dank der großzügigen Förderung durch die Commerzbank-Stiftung liegen eine DVD-Edition mit sechs Veranstaltungen aus den Jahren 1986 -2011 und ein dickes Begleichbuch vor. Krzysztof Penderecki und Hans Werner Henze, György Ligeti und Maurico Kagel, Isang Yun und Jörg Widmann sind die Komponisten. Sie zählen zu den bedeutendsten der Zeit. Sie besitzen Individualität, ihre Musik sucht Öffentlichkeit und Resonanz; sie bleibt nicht hermetisch abgezirkelt. Auch die Titel ihrer Werke sprechen. Sie erwecken Neugier und verraten Vielfalt. Sie bieten Zugang und liefern Assoziationen. Und sie verweisen auf die Technik und den „Inhalt“ des Komponierten: Partita für Cembalo, Elektrogitarre, Bass-Gitarre, Harfe, Kontrabass und Orchester – Barcarola für großes Orchester  - San Francisco Polyphony für Orchester - Quodlibet für Frauenstimme und Orchester nach Französischen Chansontexten aus dem XV. Jahrhundert – Muak. Tänzerische Fantasie für großes Orchester – Elegie für Klarinette und Orchester.                     Facetten dieser Klangwelten zwischen Ost und West, zwischen Avantgarde und Neoromantik, zwischen Klassik und Exotik fördert dann der Dirigent mit seinen Musikern und Gesprächspartnern zutage: Sie lüften  Werkstatt-Geheimnisse und bieten Innenansichten. Genial: Henzes Welt- und Werkerklärung anhand seiner Barcarola. Und am Ende liegt ein reizvolles Panorama neuer Musik vor dem Betrachter: Zeitdokumente von außerordentlichem Wert; Filmmaterial, das diese großen Nachkriegskomponisten live zeigt. 400 Minuten dauern die Aufzeichnungen, und die 200 Seiten des attraktiven Buches „Annäherung an die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts“ haben namhafte Autoren unserer Tage geschrieben. Das einzigartige „Komplett-Angebot“ ist eine Freude für Musikfreunde, und dem Dirigenten Gerd Albrecht (1935–2014) setzt es ein ein schönes Denkmal.

Open Your Ears – Wege zur Neuen Musik. Gerd Albrecht dirigiert und erläutert Penderecki, Henze, Ligeti, Kagel, Yun und Widmann //  Arthaus Musik / 6 DVDs  / 109 085


Spektakuläre Zeitreise

Daniel Hopes „Journey to Mozart“ bei der Deutschen Grammophon

Von Dr. Eberhard Kneipel   Es sind nicht nur Saitenglanz oder Seelenzauber, mit denen der Violinvirtuose beeindruckt und in Atem hält. Auch seine originellen Programm-Ideen verschaffen ihm Aufmerksamkeit und Aufsehen: Wo und wann Daniel Hope auftritt, welche Einspielung er gerade absolviert hat - stets ist er mit einem Event der Extraklasse zur Stelle. Da macht auch sein Album „Journey to Mozart“, das die Deutsche Grammophon in aller Schönheit präsentiert, keine Ausnahme. Es ist für eine Überraschung gut und hält doch an allem fest, was Hopes Markenzeichen ist: Geigenspiel vom Feinsten und feinste Stückauswahl auch! Eine Schippe freilich vermag er dennoch draufzulegen. Die wahrlich spannende Entdeckungsreise zu Mozart und um Mozart herum unternimmt Hope zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester, dessen Musikdirektor er seit 2016 ist. Ein Spitzenteam also, das der Geiger quasi als Reiseleiter hin zu exquisiten Orten und zu herrlichen Panoramablicken führt ...

Es sind viele persönliche Erinnerungen, die ihn mit Wolfgang Amadeus Mozarts Musik verbinden, und er hat zudem das Gespür dafür, wie stark dieser Komponist seine Zeit empfunden und geprägt hat und bis heute nachwirkt. Da wird Hopes Entdeckungsreise gleichsam zu einer Reise durch die Musikgeschichte – und eine Erlebnisreise ist sie allemal!

Ihren Ausgang nimmt sie mit dem „Tanz der Furien“ und dem „Reigen seliger Geister“ bei Christoph Willibald Gluck und dessen bahnbrechender, 1762 in Wien uraufgeführter Oper „Orfeo ed Euridice“. Statt höfischer Zeremonie aufwühlende Dramatik und empfindsame Melodien. Das Violinkonzert G-Dur von Joseph Haydn, Ende der 1760er Jahre für den Ersten Geiger der berühmten Hofkapelle des Fürsten Esterházy entstanden, fasziniert durch Erhabenheit und Eleganz – es besitzt jene klassische Vollkommenheit, die auch der langsame Satz aus dem Violinkonzert D-Dur von Josef Myslivecek zeigt. Dieser böhmische Musiker erscheint hier ebenso als Überraschungsgast wie der deutsche Geiger, Impressario und Komponist Johann Peter Salomon, der sich mit einer bezaubernden Mozartnahen Romanze von 1818 vorstellt. Und Mozart selbst, das Genie ? Alles, was Hope als „etwas Überirdisches, Unberührbares, nahezu Unerreichtes und doch so Menschliches“ bewundert und verehrt, bringt er im Violinkonzert Nr. 3 G-Dur und im Adagio E-Dur herrlich zum Klingen - Werke, die Mozart während der 1770er Jahre in Salzburg komponiert hat und die nun im perfekten Zusammenspiel von Geige und Orchester den schönen Höhepunkt der Reise bilden. Den turbulenten Schlusspunkt setzt dann der „Türkische Marsch“ in Hopes Orchestergewand und mit allerhand Schlagzeugwirbel.

Die vielen musikalischen Verwandtschaften, die das sorgsam gestaltete Programm offenbart, lassen auch das neue, emanzipierte Lebensgefühl bürgerlicher Künstler und deren individuelles Umfeld nicht im Verborgenen. Die Musiker haben einander gekannt und geschätzt, sie waren befreundet und haben sogar miteinander gespeist -  zumindest Mozart und Gluck  ... So kann auch diese neue Einspielung mit erstaunlichen Erlebnissen und Entdeckungen überraschen. Und am Ende weiß man mal wieder:  Mozart ist immer eine Reise wert!

Daniel Hope & Zurich Chamber Orchestra, Journey to Mozart // Deutsche Grammophon/ Universal Music International, 1 CD 479 837 6

 


111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss

Neues Buch von Ulf Annel (Erfurt) im Emons Verlag erschienen

Welches Schloss ist voller Eier? Wieso gibt es ein Zahnbürstendenkmal?Und wo kann man mit dem Kanu fast bis ans Bett fahren? Entdecken Sie Spannendes, Skurriles und Schönes entlang der Unstrut – 111 Orte, die Sie überraschen werden. Auf knapp 200 Kilometern durch Thüringen und Sachsen-Anhalt schlängelt sich die Unstrut. An ihren Ufern fanden einst große
Schlachten statt – heute ist die Flusslandschaft ein interessantes Freizeitgebiet. Ein Radweg erstreckt sich von der Quelle bis zur Mündung, die angrenzenden Städte und Orte sind voller Sehenswürdigkeiten und locken mit vielen Überraschungen. Auch Spaziergänger und Paddler kommen hier auf ihre Kosten. Ulf Annel lädt in seinem neuen Erlebnisführer zu 111 Erkundungen in der Flussgegend ein. Fotografin Juliane Annel hat alle Orte wunderbar eingefangen. Naturfreunde, Sportler und Anhänger von Kultur und Kunst werden in dem Band viele Tipps für Unternehmungen finden und Spannendes, Schönes und Skurriles sehen und erleben. Der Neugier sind keine Grenzen gesetzt, denn es gibt viele Wege entlang der Unstrut.
Ulf Annel, geboren 1955, ist eine Erfurter Puffbohne. Er studierte Journalistik, war Radioredakteur und gehört seit 1981 zum Ensemble des Kabaretts »Die Arche«/Erfurt. Er schrieb in der 111er-Reihe des Emons Verlags bereits verschiedene Bände. Juliane Annel, geboren 1982 in Erfurt, studierte Pädagogik und Kunst. Nach dem Studium leitete sie Kinderateliers auf Fuerteventura und Kos und tourte durch Australien. Derzeit ist sie Lehrerin an einer freien Schule mit Montessori-Ausrichtung in Erfurt. Mehr als zehn Jahre lang war sie Mitglied der »Imago«-Kunstschule in der Thüringer Landeshauptstadt. Sie fotografiert seit Schulzeiten.

Ulf Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss. Mit zahlreichen Fotografien von Juliane Annel // Köln: Emons Verlag 2018, ISBN 978-3-7408-0347-6, 240 Seiten
€ [D] 16,95 € [A] 17,50 - Originalausgabe


Thüringer Tourismuspreis 2018 ausgelobt

Originelle Ideen und herausragende Angebote im Thüringen-Tourismus gesucht / Einreichefrist: 11. Juni / Sonderpreis für „Mobilitätskonzepte im Tourismus“

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee hat den „Thüringer Tourismuspreis 2018“ ausgelobt. Der Preis wird – in Kooperation mit dem ADAC Hessen-Thüringen – für touristische Projekte vergeben, die sich durch besondere Originalität, herausragenden Service oder die Kooperation mehrerer Akteure auszeichnen. In diesem Jahr wird zudem ein Sonderpreis für zukunftweisende Mobilitätskonzepte im Tourismus ausgeschrieben. Der „Thüringer Tourismuspreis“ wird 2018 bereits zum siebten Mal ausgelobt. Einsendeschluss für Wettbewerbsbeiträge ist der 11. Juni 2018. Die Preisverleihung erfolgt anlässlich des diesjährigen Thüringer Tourismustages am 3. September in der Weimarhalle.

Thüringen punkte mit attraktiven und einmaligen Reisezielen ebenso wie mit seiner landschaftlichen Vielfalt, sagte Tiefensee. Allerdings stehe der Freistaat mit einer Vielzahl von Urlaubsregionen nicht nur deutschland-, sondern europaweit in Konkurrenz. „Mit unserer Tourismusstrategie haben wir daher den Anspruch formuliert, die Qualität der Angebote und damit die Wertschöpfung im Tourismus deutlich zu erhöhen“, so der Wirtschaftsminister. „Der Tourismuspreis ist dabei ein wichtiger Impulsgeber für mehr Qualität, besseren Service, aber auch für mehr Unternehmergeist im Tourismus.“ Mit dem Preis sollen besondere Leistungen und Aktivitäten im und für den Tourismus gewürdigt, Innovationen herausgestellt und positive Beispiele stärker in das Bewusstsein der Branche und der Öffentlichkeit gerückt werden.

Ein zunehmend wichtigerer Faktor im Rahmen der Gästebetreuung ist die Sicherstellung der Mobilität der Gäste. „Wir brauchen gute neue Ansätze dafür, wie unsere Gäste schnell, sicher, zuverlässig, aber z.B. auch kostengünstig und energieeffizient an ihre Ziele im Freistaat gebracht werden können“, so Tiefensee. Mit dem Sonderpreis „Mobilität im Tourismus“ sollen in diesem Jahr entsprechende Konzepte gefunden und honoriert werden.

Vorschläge für den „Thüringer Tourismuspreis“ können von allen touristischen Akteuren im Freistaat eingereicht werden. Dabei kann es sich handeln um

  • herausragende touristische Produkte, Angebote oder Initiativen zur Steigerung der Qualität im Tourismus;
  • Marketingkooperationen, die geeignet sind, zusätzliche Gäste zu gewinnen bzw. neue Zielgruppen für den Freistaat Thüringen zu erschließen;
  • innovative Mobilitätskonzepte im Tourismus.

Die Sieger erwartet jeweils

  • ein Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro;
  • ein zweiminütiger, auf den Gewinner zugeschnittener Imagefilm, der die Leistungen des Preisträgers visuell darstellt;
  • ein exklusives Glasschild für die Außenwerbung im Design der Familienmarke Thüringen sowie
  • ein individuell abgestimmtes Social-Media-Paket der Thüringer Tourismus GmbH und die Einbindung in die touristische Vermarktung der Kooperationspartner.

Die Preisverleihung erfolgt anlässlich des Thüringer Tourismustages am 3. September 2018 durch Wirtschaftsminister Tiefensee. Vorschläge für den Wettbewerb um den „Thüringer Tourismuspreis 2018“ können bis zum 11. Juni 2018 per E-Mail unter Verwendung des eingestellten Formulars eingereicht werden unter:

Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft
Referat 25 – Tourismuspolitik
Constanza von Steuber
Max-Reger-Str. 4-8

99096 Erfurt
0361 573711242
Constanza.vonSteuber@tmwwdg.thueringen.de
 
Alle Informationen, Wettbewerbsbedingungen und das Bewerbungsformular zum Preis finden sich auch unter https://www.thueringen.de/th6/tmwwdg/Tourismus_in_Thueringen/preise/index.aspx#Tourismuspreis


Tanz auf dem Vulkan

Krzysztof Urbanski und das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ / Von Dr. Eberhard Kneipel

Das Eröffnungsprogramm war spektakulär! Chefdirigent Thomas Hengelbrock und das Elbphilharmonie Orchester zelebrierten die Weihe des Hamburger Konzerthauses im Januar 2017 mit einem frappierenden Raritäten-Mix aus alter und neuer Musik - der Saal wurde zum akustischen Experimentalstudio, und die prominenten Premierengäste waren eher befremdet als begeistert. Bald darauf reihte sich Krzysztof Urbanski in den Reigen der Gratulanten und Festivitäten ein: Der junge Pole, seit 2015 Erster Gastdirigent des Orchesters und weltweit auf Achse, machte seinen Auftritt in der „Elphi“ ebenfalls zum Ereignis und bewies auch da seine Klasse - mit ungeheuerem Elan und überbordender Vitalität, mit Gespür für das Außergewöhnliche und die Fähigkeit, selbst schwierigste Stücke in all ihren Facetten zu erfassen und zum Klingen zu bringen. Und so sorgte er denn auch mit einem Jahrhundertwerk für Furore, mit Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, dem berühmten „Frühlingsopfer“ ... 

1913 hat diese Ballettmusik einen Skandal ausgelöst. Da prallte das archaische Opferritual der „Bilder aus dem heidnischen Russland“ mit der mondänen Lebewelt der Pariser Hautevolee zusammen – und viele empfanden das als Widerhall und Vorschein der Krisen und Katastrophen ihrer Zeit, der Kriege und Aufbrüche dieser Epoche. Für den Komponisten war das Stück die „leuchtende Auferstehung der Natur“, die „Erweckung neuen Lebens“, gar die „Auferstehung der ganzen Welt“ ...

Urbanski reflektiert das auf seine Weise: „Strawinsky erfand eine neue Sprache. Le Sacre ist für mich keine Partitur, sondern ein Gemälde. Auf jeder Seite sehe ich Matisse, Gaugin, die Fauve-Maler. Es ist eine Explosion von Farben, Emotionen und Überraschungen. Wenn man das Stück nicht kennt, weiß man nie, was passieren wird.“ 

Er aber weiß, was passieren wird, und er vermag es, seine Musiker derartig zu elektrisieren und die Hörer so in Hochspannung zu versetzen, dass die Wiedergabe einzigartig wirkt. Sein Geheimnis: Er hat die Noten genauestens gelesen und verinnerlicht, und er spielt den Reiz und die Kraft von Kontrasten voll aus: Nicht nur das Dynamit der brodelnden Rhythmen und Metren der Kampfspiele oder im Tanz der Erde und im Opfertanz zündet Urbanski mit Vehemenz – empfindsam bringt er auch die kristallene Lyrik der Frühlingsbilder zum Leuchten, lässt die alten Volksweisen aufblühen und taucht tief in die Magie der geheimnisvollen Kreise der Mädchen und der Anrufung der Ahnen ein. Am Ende scheint er selbst dieser Klangorgie zu erliegen – da tanzt er am Dirigentenpult entrückt und ekstatisch mit ...

Dass man dies alles so intensiv miterleben kann, ist das Verdienst von Alpha Classics. Das Label hat seiner exzellenten Studio-Aufnahme von „Le Sacre du Printemps“ eine Blu-ray als Bonus mitgegeben - den Mitschnitt des Konzertes vom Februar 2017 in der Elbphilharmonie. Und da bleibt nichts zu wünschen übrig: ein faszinierender Klangraum, ein charismatischer Dirigent und spannende Bilder von den vielen Mitwirkenden, die bei diesem Tanz auf dem Vulkan souverän und mit Hingabe Schwerstarbeit leisten. So, als sei alles nur ein leichtes Spiel ...

Strawinsky, Le Sacre du Printemps / NDR Elbphilharmonie Orchester, Krysztof Urbanski // Alpha Classics, 1 CD & 1 Blu-ray, Alpha 292


Belcanto-Oper als Psycho-Thriller

„Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti am Königlichen Opernhaus in London / Von Dr. Eberhard Kneipel

Man kann staunen, darf sich wundern oder tut sich schwer: Die Aufführung von Gaetano Donizettis berühmter tragischer Oper „Lucia di Lammermoor“ am Royal Opera House hat große Begeisterung ausgelöst und manches Fragezeichen gesetzt. Ob der Jubel zwischen den Szenen und besonders am Schluss aber wirklich dem „Bühnen-Event“ insgesamt galt oder ob er vielleicht doch zu allererst die musikalischen Glanzleistungen honoriert hat – wer weiß das schon so genau ... Denn die Inszenierung von Katie Mitchell wirkt in ihrer Personenführung und Bildsprache überaus ambitioniert und ziemlich gewöhnungsbedürftig - sie zeigt mehr als die Story bietet. Die dreht sich um die Fehde zwischen den schottischen Clans Lammermoor und Ravenswood. Lord Enrico will dem einflussreichen Arturo seine Schwester zur Frau geben, um sich dadurch Macht und Existenz zu sichern. Lucia liebt aber Edgardo, den Todfeind der Familie, und widersetzt sich der Heirat. Rachegetrieben zerstört der Bruder mit Intrigen und Gewalt Lucias Liebestraum. Und als der untreu geglaubte Geliebte wieder vor ihr steht und sie des Verrats bezichtigt, wird Lucia wahnsinnig und stirbt. Treu folgt Edgardo ihr in den Tod. Auch seine Seele schwebt himmelwärts. Geister, Gräber und alte Gemäuer befördern die Gruselstimmung ... 

Um ein feministisches Statement bemüht, verlegt Katie Mitchell die Handlung von 1700 ins Viktorianische England des 19. Jahrhunderts - in eine Zeit der Reformen und des Kampfes um Frauenrechte. Dazu führt sie – nicht immer  überzeugend – einen zusätzlichen Handlungsstrang ein, der die Qualen und Wirren Lucias ins Extrem steigert und zeigt: nächtliche Liebeswonne am Brunnen, Schwangerschaft und Fehlgeburt, die mörderische Hochzeitsnacht und der Liebestod in der Badewanne. Das sind mitunter makabre Bilder – naturalistisch krass, voller Blut, Obsessionen und Todesvisionen. Was die Szenerie aber außergewöhnlich und spannend macht und den Ruf der vielerorts gepriesenen  Regisseurin bestätigt, sind die modernen Split-Screen-Techniken: Das zweigeteilte Bühnenbild führt die Handlung zeitgleich parallel - es erhellt Hintergründe und deutet Vorgänge psychologisch. Da ist für Fantasie viel Raum ... 

Solisten, Chor und Orchester und der Dirigent Daniel Oren - ein Spitzenensemble – setzen Mitchells Intentionen mit Verve um, und sie brillieren hinreißend mit Donizettis wunderschöner Musik: Arien und Duette vom Feinsten, das herrliche Sextett, die Hochzeits-Chöre und die Wahnsinns-Arie (mit Glasharmonika – Klänge wie aus einer anderen Welt!). In der Rolle der Lucia ist die Weltklasse-Sopranistin Diana Damrau eine Traumbesetzung: intensives Spiel und souveräne Belcanto–Kunst. Auch die Männergesellschaft, der Widerpart dieser aufbegehrenden (und hier alles andere als somnambulen) Frau, lässt es bei Gesang und Darstellung an Bravour nicht fehlen. Fesselnd und geheimnisvoll agiert Rachael Llyod als Alisa – ein „Schutzengel“ der Liebenden wie Wagners Brangäne. Was also erklingt, ist in jedem Moment eine Freude. Was die Bühne anbietet, darüber lässt sich räsonieren. Dank Warner Classics erhält nun auch der interessierte Opernfan auf DVD oder Blu-ray starke Eindrücke von dieser Londoner Aufführung aus dem Jahr 2016. Und kann mitreden - so oder so ... 

Gaetano Donizetti, Lucia di Lammermoor / Dirigent Daniel Oren, Regie Katie Mitchell / Royal Opera House Covent Garden // Warner Classics 1 Blu-ray Disc 0190295792022; Laufzeit 153 min. + 2 Dokumentationen


Lohnende Ausgrabung - spannende Wiederbegegnung

Weinbergers Oper„Wallenstein“ und Korngolds Streicher-Serenade beim Entdecker-Label cpon / Von Dr. Eberhard Kneipel

Nicht immer sind Ausgrabungen Glücksfälle, und manche der aufgespürten Stücke wären besser in der Versenkung verblieben anstatt Theaterbühnen, Konzertsäle oder die Tonträgerlandschaft zu bevölkern. Bei der Musikalischen Tragödie „Wallenstein“ von Jaromir Weinberger ist das anders: Jahrzehntelang stand sie völlig im Schatten seiner Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“, die 1927 mit sensationellem Erfolg im Prag am Tschechischen Nationaltheater zur Uraufführung kam. Von „Wallenstein“ hingegen blieb nicht die geringste Ahnung. Als es dann 2009/10 in Altenburg und Gera zur deutschen Erstaufführung kam, war das Erstaunen über ihre musikdramatischen Qualitäten groß. Und es verwunderte noch mehr, dass keine Einspielung auf CD oder DVD existierte. Diesen Mangel hat das Entdecker-Label cpo jetzt mit der beeindruckenden Ersteinspielung von 2012 aus dem Wiener Konzerthaus. behoben. Die aber zeigt auch: Die Anforderungen dieser Oper an eine Bühne und an ein Ensemble sind so riesig, dass auch ihretwegen dem Werk die Verbreitung versagt blieb. „Neben einem großen Chor und Orchester kommen noch zahlreiche Bühnenmusiker hinzu, die wiederum in drei Gruppen aufgeteilt sind, bis hin zu einer Tafelmusik mit Cembalo, einer großen Militärkapelle und Trompeten. Weinberger lässt in jedem der sechs Bilder einen anderen Stil zur Geltung kommen, dabei reicht seine schier unbeschreibliche Vielfältigkeit von der Operette, der Atonalität, Klängen der Volksmusik bis hin zum romantisch verästelten Kontrapunkt, wodurch man fast den Eindruck bekommt, es handele sich um mehrere Komponisten", erläutert der RSO Wien-Chefdirigent Cornelius Meister. Er selbst erweist sich freilich als der rechte Mann, diese verblüffende Vielfalt zu bändigen und die großen Historienbilder und eindringlichen Porträts nach Friedrich Schillers Dramatischem Gedicht zu einem faszinierenden Ganzen zu formen. Roland Trekel und Martina Welschenbach führen das großartige Ensemble an, dem die Aufnahme-Technik und die Tonträger-Produktion höchste Aufmerksamkeit und größtes Können widmen. 1937 war die Oper in Wien uraufgeführt worden, ein Jahr später floh der Komponist vor den Nazis in die USA. Dort verließ ihn der Erfolg, er litt unter seiner Vertreibung, und 1967 nahm er sich, einundsiebzigjährig, das Leben ...                                                                     

Auch Erich Wolfgang Korngold fand in den USA Zuflucht hatte in Hollywood Erfolg, konnte aber nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa kaum wieder Fuß fassen. Auch er ein Enttäuschter, ein Vergessener. Aber auch er ein Komponist, der mit seiner Oper „Die tote Stadt“ und dem Violinkonzert vor fast 20 Jahren im Geraer Spielpan vertreten war. Und bereits in den 1990ern hatte ihm das Label cpo eine CD-Serie gewidmet. jetzt sorgt es mit einem Frühwerk und einem Spätwerk auf der neuen Silberscheibe wieder für Aufsehen ... Sein Streichsextett begann Korngold im Sommer 1914 zu komponieren. Da arbeitete der Siebzehnjährige zugleich an seiner zweiten Oper „Violanta“, war international etabliert und galt als das Wunderkind seiner Zeit. Der Dirigent Hartmut Rohde hat nun das Stück für sein HFM Leopoldinum Orchester arrangiert und präsentiert die vier Sätze elegant, verspielt, gefühlvoll und farbenreich im Klang. Dreißig Jahre später, im Exil und nach einem schweren Herzanfall, konzipierte Korngold während der langen Zwangspause im Krankenhaus  ein Werk für Streicher. Auf Notenpapier gebracht, lag dann mit der Symphonischen Serenade B-Dur op. 39 eine Komposition vor, die zu den besten und einfallsreichsten seiner späten Jahre zählt. Er hatte sich selbst übertroffen und seine Schaffenskraft nochmals überzeugend unter Beweis gestellt - allen seinen Befürchtungen zum Trotz ...

Jaromir Weinberger, Wallenstein, Musikalische Tragödie in sechs Bildern / Trekel, Welschenbach, Lukas, Kirch / Wiener Singakademie, ORF Radio-Symphonieorchester Wien; Ltg. Cornelius Meister //cpo, 2CDs 777 963-2

Erich Wolfgang Korngold, Symphonic Serenade op. 39; Sextett op. 10 / NFM Leopoldinum Orchestra; Ltg. Hartmut Rohde // cpo, 1CD 555 138-2