Ausstellungen

Weltkünstler gibt sich die Ehre

Das Kunsthaus Apolda stellt vom 12. Januar bis 13. April Meisterwerke der Renaissance von Albrecht Dürer aus / Von Wolfgang Leißling
Albrecht Dürer Ausstellung Kunsthaus Apolda

Eine Stadt ist im Dürer-Fieber. Die Rede ist von Apolda, das vom 12. Januar bis 13. April 2020 Meisterwerke der Renaissance zeigt. Dies gemeinsam mit Kunstverein Avantgarde, Stadtverwaltung und der österreichischen Zisterzienserabtei Stams aus dem Bistum Innsbruck. Mehr  als 100 Holzschnitte und Kupferstiche werden zu sehen sein.

Der 1471 in Nürnberg geborene und dort 1528 gestorbene Albrecht Dürer zählt zu den genialsten Künstlern der Renaissance. Seine in Stams gesammelten Arbeiten auf Papier gehören ob ihrer Ausdruckskraft und Perfektion zu den Meisterwerken der Kunstgeschichte. Die von der Kunsthistorikerin Susanne Flesche kuratierte Ausstellung setzt sich mit Dürers Bedeutung vor dem biographischen und gesellschaftspolitischen Hintergrund nicht zuletzt der Kaufmannsstadt Nürnberg auseinander. Wertvolle Erfahrungen etwa in der Feinheit der Linien sammelte er schon als Dreizehnjähriger in der Lehre als Goldschmied in der Werkstatt seines Vaters. Handwerk und  Zeichenfertigkeit schärften ihm den Blick für Details und Plastizität. 

Das vom Humanismus geprägte Nürnberg sowie die Reisen 1494 und 1505 nach Italien bildeten den Ausgangspunkt für Dürers neuzeitliche künstlerische Auffassung. Wobei es die auf den antiken Geist bezogene Renaissance kennzeichnet, dass jetzt der einzelne Mensch in den Mittelpunkt rückte. Man sah das Wesen der Schönheit im dargestellten menschlichen Körper verwirklicht – dies mit idealen Maßen und Proportionen. Dürers „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ künden davon.

Als der Meister 1495 seine eigene Werkstatt in Nürnberg gründete, spezialisierte er sich auf  Holzschnitte und Kupferstiche, da er mit diesen Reproduktionen schnell auch wirtschaftlich erfolgreich sein konnte. Fragt man nach den Besonderheiten seines Schaffens, dann werden dessen Beobachtungsgabe und Detailtreue genannt, die meisterhaft beherrschte Linie in der Druckgrafik, dessen vollendeten Proportionen und Perspektiven sowie die Tonwerte. Die Kunstkritik lobte, dass er in den schwarz-weiß-Techniken sinnliche Effekte erreichte, wie sie bis dahin nur in der Malerei bekannt waren. 

Themen fand er im Alltag sowie in Bibel und Mythologie. Für seine Zeit war er das, was man heute einen künstlerischen Superstar nennen würde. Die Apoldaer Sonderschau belegt dies beispielsweise mit den drei Holzschnittfolgen „Drei Grosse Bücher“.  So werben die Organisatoren etwa mit der Serie  „Apokalypse", in der Dürer die Weltsicht seiner Zeit zeichnete, die geprägt war vom erwarteten Weltuntergang. Im Kontrast hierzu steht die Blätter „Marienleben", die  Innigkeit und Volksnähe ausstrahlt. Für Dürer, als tief religiösem Menschen, war die „Passion" Christi ein anderes wichtiges Thema, das er in einer großen und einer kleinen Passions-Folge darstellte.  

Fragt man nach den Höhepunkten der Ausstellung, wird ebenso auf jene berühmten Blätter verwiesen, in denen Dürers meisterhaft  das Licht darstellt sowie souverän Perspektive und Proportion ausdrückt: „Der heilige Hieronymus im Gehäuse“, „Adam und Eva“ und „Die Melancholie“. Dürer hatte das Glück, mit den Grafiken schon zu seinen Lebzeiten als hochbegabt  gefeiert zu werden und zugleich materiell sehr erfolgreich zu sein.

Die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Bischofs Dr. Ulrich Neymeyr des Bistums Erfurt ermöglicht den einmaligen Blick in das reiche Schaffen dieses genialen Künstlers. Die Exposition ist verbunden mit einem umfänglichen Begleitprogramm. Darunter sind ein Gesprächsvortrag mit dem Dürer-Biographen Dr. Klaus-Rüdiger Mai  (23.  Januar, 19 Uhr) und der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Johann Bauer von der Universität Erfurt „Ein Schrecken ohne Ende oder ein Ende ohne Schrecken“ (6. Februar, 19 Uhr) sowie dialogische Führungen (9. Februar und 8. März, jeweils 12 Uhr).

Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Am 26. April schließt sich Pop-Art aus den USA und England an.

Abbildung: Albrecht Dürer, Adam and Eve, 1504 


Nowinka: Mädchen und Blumentapete

Sonderausstellung in der Kunstsammlung Jena bis zum 29. März 2020
Nowinka Kunstsammlung Jena

Der Maler Josef Nowinka war Zeit seines Lebens ein weitgehend Unbekannter. Als seine Werke am 4. März 1973 erstmals in einer Privatwohnung einem Publikum vorgestellt wurden, hatte er bereits das fünfzigste Lebensjahr überschritten. Es folgten nur wenige Ausstellungen abseits einer größeren öffentlichen Aufmerksamkeit, bevor das Werk erst vor einigen Jahren eine Entdeckung erfuhr. Zutage gefördert wurde hierbei ein künstlerisches Schaffen, das in seiner Stilistik einzigartig ist und mit einem subversiven Humor ausgestattet ist.

1919 in Großhauland in Schlesien geboren, erfolgte 1923 der Umzug mit der Mutter und den Geschwistern nach Celle - der Vater war kurz nach Josef Nowinkas Geburt gestorben. Bereits zwei Jahre später zog die Familie erneut um - nun nach Berlin, wo Nowinka den Rest seines Lebens verbringen sollte. In Berlin lebte er von seinem sechsten bis zum 14. Lebensjahr mit seinen Geschwistern im Waisenhaus, da dies für die alleinerziehende Mutter den einzigen Ausweg darstellte, die Versorgung der Kinder zu sichern. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Nowinka eine Lehre als Lithograf, bevor er zur Wehrmacht in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Mittels gezielter Bruchlandung an der Küste Islands beging er Fahnenflucht und geriet anschließend erst in amerikanische, später in englische Kriegsgefangenschaft. Wieder in Freiheit folgte ein Studium als Grafiker an der neu gegründeten Kunsthochschule des Nordens, der heutigen Kunsthochschule Weißensee. Nowinka war zunächst freischaffend für verschiedene Verlage und Zeitungen tätig, ab 1970 arbeitete er als Grafiker beim Deutschen Fernsehfunk der staatlichen Fernsehanstalt der DDR (ab 1972 Fernsehen der DDR). Daneben malte er bis ins hohe Alter und fertigte Collagen sowie Assemblagen, von deren Existenz nur der engste Freundeskreis wusste. 

Den wenigen Eingeweihten offenbarte sich ein Werk, das alltägliche Begebenheiten ebenso thematisiert, wie anzüglich frivole Szenerien oder traumhafte Sequenzen. Was zunächst den Anschein naiver Malerei erweckt, ist nicht nur durch eine akademische Ausbildung unterfüttert, sondern darüber hinaus auch angereichert mit Stilzitaten als Resultat einer Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte der Moderne. Dabei tritt er nicht einfach als Kopist auf, vielmehr sind diese Werke ganz eigene Interpretationen fremder künstlerischer Handschriften, wie etwa der eines Picassos. Vor allem Nowinkas Frauenbilder lassen dies erkennen, wenn er einen weiblichen Akt nach kubistischer Manier in geometrische Flächen zergliedert. Überhaupt wird sein Schaffen dominiert von der Frau, die, mal lasziv, mal ernüchtert, gern leicht- oder unbekleidet die Bildfläche bevölkert. So räkelt sie sich auf Betten und Sofas, vor Blümchentapete und mythologischen Mensch-Tier-Wesen, tritt als Dompteuse im Zirkus auf oder zerteilt als Fleischerei-Fachverkäuferin, mit Lippenstift und Nagellack in kräftigem Rot, beherzt das tote Tier.

Mit seinem Hang zur Narration grenzt sich Nowinka entschieden von der Art Brut ab und schafft Bilder, die sich als spitzzüngiger, bisweilen abgeklärter Kommentar zu Alltag und Politik in der DDR zu erkennen geben. Flugzeuge, die im Hintergrund ungehindert Grenzen überwinden, zahlreiche Abschiedsszenen oder das Offenlegen der erlebten Tristesse des real existierenden Sozialismus können als subtile Kritik am vorherrschenden System gelesen werden und eigneten sich somit nicht für eine öffentliche Präsentation.

Nachdem Nowinkas Werke in den letzten Jahren vereinzelt präsentiert worden sind, widmet sich nun die Kunstsammlung Jena dem eigenwilligen Schaffen mit einer Retrospektive, die Arbeiten aus über fünfzig Jahren zeigt. Damit wird nicht nur auf die künstlerische Entwicklung Josef Nowinkas aufmerksam gemacht, sondern überdies auch jener Staat aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet, in dem diese Werke zwar hervorgebracht wurden, gleichzeitig aber offiziell nie existierten.

Städtische Museen Jena, Kunstsammlung, Markt 7 07743 Jena

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 10-17 Uhr, Donnerstag 15-22 Uhr, Samstag, Sonntag 11-18 Uhr • Eintrittspreise: Normal: 4 Euro // Ermäßigt: 3 Euro • Führungen: Nach Anmeldung unter T: 03641-498259

www.kunstsammlung-jena.de • www.facebook.com/KunstsammlungJena

twitter.com/kunstjena • www.instagram.com/kunstsammlungjena

Abbildung: Josef Nowinka, Verwurzelung, 1975, Öl auf Hartfaserplatte, (c) Foto: Andreas Labes


History in Fashion

Grassi Museum Leipzig zeigt: 1500 Jahre Stickerei in Mode / Sonderausstellung bis 29. März 2020
Grassi Museum Leipzig History in Fashion

Stickerei erfüllte immer das Bedürfnis, Individualität und Bedeutung in Kleidung einzuschreiben. Als Kontrast zu Fast Fashion und Massenproduktion erlebt diese jahrhundertealte Technik der individuellen und detailverliebten Verzierung ein Comeback. In Form, Material und Motiven betont die aktuelle Mode handwerkliche Kunstfertigkeit und historische Bezüge und setzt Stickerei als Statement.

Aktuelle Themen werden in der Ausstellung diskutiert: Schnelllebigkeit von Mode und technische Entwicklung ebenso wie Gender, Globalisierung und Nachhaltigkeit. Mit einem großen Anteil an historischen Beispielen durchstreift sie zudem zahlreiche Epochen und Themen der Kulturgeschichte und beleuchtet auch Sammlungsgeschichte. Insgesamt gliedern sechs Themeninseln die Ausstellung. Allgegenwärtig ist dabei stets der Rückgriff auf Formen und Farben der Pflanzenwelt. Blüten, Blätter und Früchte gehören zu den wichtigsten Inspirationsquellen für gestickte Motive auf Kleidung. Durch alle Zeiten symbolisieren sie das Wachsen und Blühen des Lebens, thematisieren Schönheit und Fruchtbarkeit, aber auch Vergänglichkeit.

Vor diesem Hintergrund zeigt die Ausstellung an ausgewählten Beispielen der eigenen Sammlung die über die Jahrhunderte immer wiederkehrende Bedeutung von Stickerei in der Mode. Angefangen mit faszinierenden Arbeiten aus koptischer Zeit und Mittelalter, über reiche Stickereien des Barock, Arbeiten des 19. Jahrhunderts bis zu Neuerwerbungen der Grassi-Messen im 20. und 21. Jahrhundert bietet sie einen Streifzug durch die Modegeschichte.

Fashion bedeutet in diesem Kontext Kleidermode: Gezeigt wird nicht Mode als Werk eines Modeschöpfers, sondern Kleidermode aus Gegenwart und Vergangenheit unter übergreifenden Fragestellungen zu Technik und Bedeutung. Neben Kleidungsstücken auf Figurinen sind viele Fragmente und Musterstücke zu sehen – nicht nur von historischen Objekten, sondern ebenso von experimentellen Arbeiten der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. HISTORY IN FASHION bedeutet einerseits Rückgriffe und Anleihen aktueller Mode auf Vorbilder und Anregungen aus historischer Mode sowie andererseits die Geschichte von Anfertigung, Entstehung, Gebrauch und Überlieferung, die jedes einzelne Objekt in sich trägt. In jedem Exponat steckt somit eine Story, die es zu entdecken gilt. So zeigen einige Ausstellungsstücke deutliche Spuren einer Zweit- oder Drittnutzung. Auf diese Weise werden Wachsflecken, die vom einstigen Gebrauch bei Kerzenschein zeugen zu wichtigen Informationsträgern der Objektgeschichte.
Internationale und globale Vernetzungen spielten in der Modegeschichte schon in der Vergangenheit eine wichtige Rolle. Anregungen und Ideenaustausch halfen und helfen stets dabei, sich mit anderen Kulturen vertraut zu machen.

Zudem präsentiert die Schau ausgewählte zeitgenössische Beispiele der Haute Couture sowie innovative Werke von Textilkünstlern und jungen Talenten. Als Partner für diese Sonderschau hat das Museum die Textilklasse der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle unter der Leitung von Professor Bettina Göttke-Krogmann gewonnen.
Die Arbeiten von neun Studierenden zeigen neue Ansätze für die Verwendung von Stickerei auf Kleidung für Hand- und Maschinenstickerei. Traditionelle Techniken sind hier ebenso faszinierend und innovativ eingesetzt, wie digitale Techniken und neue Materialien. Diese Beispiele zeigen die unerwartete Möglichkeiten dieser besonderen Kunsttechnik der Textilveredelung.

www.grassimak.de

Abbildung: Damenhandschuhe, Deutschland, 2.Haelfte des 18. Jahrhunderts, Stickerei in Seide, Gold- und Silberfaden auf Seidengewebe


Kunsthalle Erfurt zeigt: Aggroschaft - Marc Jung & The Gang.

Arbeiten von Marc Jung, Benedikt Braun, Till Lindemann, Moritz Schleime, Ulrike Theusner
Marc Jung Aggroschaft Kunsthalle Erfurt

Bis zum 26. Januar 2020 wird in der Erfurter Kunsthalle die Ausstellung "Aggroschaft - Marc Jung & The Gang. Benedikt Braun, Till Lindemann, Moritz Schleime, Ulrike Theusner" präsentiert. Die Ausstellung ist ein weiterer Beitrag der Kunstmuseen im Rahmen des Jubiläums "100 Jahre Bauhaus".

Der Erfurter Künstler Marc Jung studierte von 2006 bis 2011 an der Bauhaus-Universität Weimar Freie Kunst bei Professorin  Elfi E. Fröhlich und war Meisterschüler an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Professor Wolfram Adalbert Scheffler. Seinen Stil bezeichnet der 34-jährige Künstler als " figurativen, postabstrakten Expressionismus." 

Schon in der Zeit vor seinem Studium war er in der subkulturellen Szene von Erfurt aktiv, und noch heute ist das Arbeiten in Gruppen kreativer Individuen und die enge Verzahnung von musikalischen (Hip Hop & Rap) und bildnerischen Ausdrucksweisen für ihn typisch. "Mein Atelier auf dem Gelände des ZUGHAFENs in Erfurt habe ich bewusst gewählt, weil ich so eng mit der Musikszene von Erfurt verbunden bleiben konnte."  Das Programm des Independent-Labels »AggroBerlin« (2001–2009), aus dem später Rapper wie Sido, Bushido und Fler hervorgingen, hat ihn künstlerisch geprägt: Jung bevorzugt aggressive Gesten, grelle Farben, harte Kontraste, die Sprache der Straße. Skandieren und schreien statt gesittet sprechen. Doch kultiviert der Künstler nicht wirklich die Gangsta-Manier. Vielmehr nutzt er die aggressiv vorgetragene, Grenzen sprengende Stilistik zur politischen Positionierung, zur Thematisierung zunehmend radikalerer gesellschaftlicher Umgangsformen, zur Kritik an Gewaltspiralen und autoritären Formen der Machtausübung. Darauf verweist der Titel der Ausstellung: »AGGROSCHAFT« ist ein Synonym für die angespannte soziale und politische Situation in Deutschland und im Rest der Welt. Der Titel schließt kritisch an die Präsenz der »Aggressive Leaders« an, die sich global etabliert haben und den Künstler die an dunkelsten, totalitären Seiten des 20. Jahrhunderts erinnern: Wer am aggressivsten auftritt, scheint zu gewinnen.

Für die aktuelle Ausstellung lud er Benedikt Braun und Ulrike Theusner ein, Absolventen der Bauhaus-Universität Weimar wie er, außerdem den Maler Moritz Schleime und den Musiker und Rammstein-Frontmann Till Lindemann. Mit ihnen teilt er nicht nur ähnliche künstlerische Haltungen – wie expressive Zuspitzung und Provokation als Methode – sondern auch persönliche Geschichten. 

Abbildung: Marc Jung: HEIMATSCHUTZMINISTERIUM, 2018, mixed Media auf Leinwand, 200 x 300 cm (Copyright: Marc Jung)


Interessantes Kapitel Erfurter Kunstgeschichte

Ausstellung im Angermuseum Erfurt
Angermuseum Erfurt Bellermann

Dass sich in Erfurt um 1800 ein Sinn für die zeitgenössische bildende Kunst entwickelt hat, verdankt sich vor allem dem Kurmainzischen Statthalter Carl Theodor von Dalberg (1744–1817).  An Dalbergs Wort „In Erfurt ist gut Wohnen“ erinnert man sich bis heute gern, doch vergessen scheinen die künstlerischen Leistungen jener Zeit. Dazu zählen das Wirken von Johann Georg Wendel als Maler und Direktor der von Dalberg initiierten Kurfürstlichen Zeichenschule ebenso wie die Unternehmungen des Kaufmanns, Künstlers und Galeristen Johann Bartholomäus Bellermann (1756–1833): Zeitgenössische Reiseführer empfehlen den Besuch der ersten, von ihm privat geführten Galerie in Erfurt. Trotz seines hervorragenden Rufes unter den Zeitgenossen geriet Bellermann als Maler von Landschaftsbildern und Wetterphänomenen in Vergessenheit. 

Nikolaus Christian Heinrich Dornheim (1772–1830) hingegen blieb im öffentlichen Gedächtnis Erfurts präsent. Sein umfangreiches zeichnerisches Werk, vornehmlich Ansichten von Erfurt und Umgebung, gab nun den Impuls zur Aufarbeitung und Erschließung der Werkbestände im Angermuseum und zugleich eines interessanten Kapitels der Erfurter Kunstgeschichte in einer zeitpolitisch komplizierten Situation, gekennzeichnet durch mehrfachen Machtwechsel von erzbischöflich-mainzischer, preußischer, zu französischer und wieder preußischer Herrschaft.

Mit der Ausstellung und kritischen Neubewertung der Werkbestände beider Künstler ergibt sich ein Bild der Zeit, in der vor allem die Beobachtung und Erkundung der Natur mit all ihren Erscheinungen, Farben und Phänomenen im Vordergrund stand. Zugleich gewähren uns die Arbeiten topografisch und historisch genaue Perspektiven auf Erfurt, seine Umgebung und andere heimische Landschaften.

Die Sonderausstellung ist bis zum 2. Februar 2020 zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Buch im Mitteldeutschen Verlag.

Abbildung: Bartholomäus Bellermann, Blick vom Hochheimer Weg bei Erfurt entlang der Gera, um 1810, Gouache auf Papier, Schenkung 2019 Förderverein Freunde des Angermuseums e. V.

Foto: Angermuseum Erfurt


Aktuelles Design aus Thüringen im Bauhausjahr

Gera: Sonderausstellung im Museum für Angewandte Kunst bis 23. Februar 2020
Design Thüringen Ausstellung Gera

Die Begriffe DESIGN und BAUHAUS sind in diesem Jahr allgegenwärtig – nicht zuletzt in Thüringen, wo 1919 das Staatliche Bauhaus Weimar gegründet wurde. Das Museum für Angewandte Kunst in Gera nimmt gemeinsam mit dem Förderverein „Freunde des Ferberschen Hauses e.V.“ das Jubiläumsjahr zum Anlass, den Blick nicht nur in die Geschichte, sondern auch in die Gegenwart zu richten. Vom 26.10.2019 bis 23.2.2020 wird im Ferberschen Haus zeitgenössisches Produktdesign aus Thüringen in seiner ganzen Vielfalt zu erleben sein, von der Stricknadel zum Stereomikroskop, vom preisgekrönten Porzellanservice bis zu aktueller Mode und innovativer Textiltechnik. Vieles davon wurde mit nationalen und internationalen Auszeichnungen gewürdigt. Ein besonderer Exkurs gilt der Keramik: Auf diesem Gebiet wurde und wird bis heute in Thüringen Designgeschichte geschrieben und ausgewählte Exponate aus der Sammlung des Museums für Angewandte Kunst sowie aus Privatsammlungen machen die Schnittstelle zwischen künstlerischem Entwurf und Typengestaltung für die Serienproduktion sichtbar.

In der Präsentation zeitgenössischen Designs geht die Ausstellung von den Funktionsbereichen der Produkte aus: Greifen und Begreifen, Optische Ereignisse, Lebensräume und Zeiträume sowie Bewegung, und sind in Designlösungen ganz unterschiedlicher Produktgruppen zu erleben. Als Hommage an die Design-Tradition in Thüringen korrespondieren in der Präsentation ausgewählte historische Exponate aus der Sammlung des Museums für Angewandt Kunst mit ihren Nachfolgern. Im Vergleich mit vor 100 Jahren entwickelter Formgestaltung wird der Weg zum Design unserer Tage sichtbar: Geht es immer noch vor allem darum, dass ein Gebrauchsgegenstand praktisch, haltbar, bezahlbar und schön ist?

Aktuelles Design bearbeitet komplexe Aufgabenstellungen und entwickelt Lösungen zwischen Konzept und Entwurf, zwischen Technik und Ästhetik. Diese Erfahrung vermittelt die Werkstatt in der Ausstellung mit einem Angebot von Workshops. Hier können die Besucher analog und digital mit Gestaltungstechniken und zukunftsweisenden Anwendungsbereichen des Designs experimentieren. Die Ausstellung wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Diskussionsforen begleitet.

Siehe auch www.designausthueringen.com


SPITZEN DES ART DÈCO. Porzellan im Zackenstil

Das GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig zeigt bis 11. Oktober 2020 in seiner legendären Art déco-Pfeilerhalle eine Ausstellung herausragender Porzellane des Art déco. Präsentiert werden rund 500 Exponate: Dosen, Gedecke, Vasen, Schalen und Figuren.
Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig

Extravagante Formen, überraschender Dekor und Farbenreichtum zeichnen die Produkte der Porzellanmanufakturen der 1920er und frühen 1930er Jahren aus. Dosen, Vasen und Gedecke pendeln zwischen Gebrauchsgegenstand und Zierstück. Die Gestaltung kennt kaum Grenzen: Die Abstraktion der Natur, arabesk-ornamentale Dekore, fernöstliche Einflüsse und strenge Geometrie durchdringen sich. Immer wieder begegnet der sogenannte Zackenstil mit seinen spitzwinkligen markanten Formen, der auch die Innenarchitektur der Pfeilerhalle des Grassimuseums geprägt hat. Zwischen den Vitrinenobjekten und dem Raum entsteht dadurch eine einzigartige Zwiesprache. Fast 500 Objekte aus kleinen und großen Manufakturen sind versammelt und bestechen durch ihre Vielgestaltigkeit. Vertreten sind unter anderem die Porzellanmanu- fakturen Rosenthal, Jäger & Co., Fraureuth, Hutschenreuther oder Ilse Pfeffer. In der qualitätsvollen Handbemalung der Stücke lässt sich die Liebe zum Detail und viel Fantasie erkennen. Besonders spannend sind die vielen unterschiedli- chen figürlichen Handhaben. So gibt es auf den Dosen wilde Tiere, Insekten, schöne Damen und vieles mehr zu entdecken.

Die Exponate der Ausstellung wurden von drei Hamburger Privatsammlungen als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Die Kollektionen von Gisela Krause- Ausborn, Gerhard Ausborn (Künstler) und Prof. Dr. Peter W. Schatt (bis 2013 Professor für Musikpädagogik an der Folkwang Universität der Künste in Essen, heute im Ruhestand) haben jeweils unterschiedliche Schwerpunkte. Sie ergän- zen sich jedoch vorzüglich und bieten in der Summe einen außergewöhnlichen Überblick auf die Art déco-Porzellangestaltung. Gisela Krause-Ausborn hat eine Vorliebe für Mokkagedecke aller Art und besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen der Firma Jäger & Co. Gerhard Ausborns Leidenschaft gilt Sammeltassen, Dosen und Vasen, während Prof. Dr. Peter W. Schatt mit beeindruckender Konsequenz ausschließlich Dosen sammelt.

Erstmals in dieser Konstellation wird eine Auswahl von Objekten aus allen drei Sammlungen zusammen präsentiert und damit ein Querschnitt durch die gestalterischen Ausprägungen des Art déco gezogen. 


Erfurt: Spurensuche Bauhaus im Kultur: Haus Dacheröden

„Neues Bauen“ - Fotografien von Hans-Christian Schink / „Spurensuche Bauhaus“ - Schülerarbeiten der Walter-Gropius-Schule Erfurt

100 Jahre Bauhaus sind der Auslöser für zwei neue Ausstellungen im Kultur: Haus Dacheröden. Dabei werden neben großformatigen Fotografien von Hans-Christian Schink auch Arbeiten gezeigt, die in den vergangenen drei Jahren an der Walter-Gropius-Schule entstanden. Dort wird in diesem Jahr doppelt gefeiert; neben dem Hundertjährigen der Kunst-und Designschule aus Weimar blicken Lehrer und Schüler im Erfurter Westen auf 20 Jahre Namensweihe zurück.

Die schwarz-weißen Fotografien Schinks gehen dabei mit den spannenden Versuchen der Gropius-Schüler vielfältige Verbindungen ein ganz wie es sich Lena Walter gewünscht und vorgestellt hat. „Wir wollten nicht noch eine Exposition mit Blick in den Rückspiegel präsentieren“, schaut sie auf die Konzeptionsphase zurück. Orientierte sich die Chefin im Dacheröden zunächst an einem Buchprojekt, das die Ausstellung gleichsam begleiten sollte, rückten mit den Schülerarbeiten Gegenwart und Zukunft in ihren Fokus.

Die Besucher erwarten drei Zeitebenen. Da sind zunächst die Abbildungen von Architektur vor allem aus Jena. Carl Zeiss, die gleichnamige Stiftung und der Firma nahestehende Auftraggeber beschäftigten für die Bauten des prosperierenden Unternehmens bedeutende Architekten. Walter Gropius, Henry van der Velde, Ernst Neufert oder Otto Bartning waren neben anderen Zeitgenossen in der Saalestadt tätig. In Jena lässt sich daher sehr gut das ganze architektonische Spektrum und das breite Qualitätsbewusstsein dieser „Goldenen Jahre“ vor allem zwischen den Weltkriegen nachvollziehen.

Die zweite zeitliche Ebene ist in den Jahren nach dem Ende der DDR angesiedelt. Mitte der 90er Jahre fotografierte Hans-Christian Schink im Auftrag der Leipziger Agentur PUNCTUM „Das Hauptwerk von Carl Zeiss Jena. Ursprung und Wandel“. Unter diesem Titel publizierte das Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege in Nr. 12 seiner Arbeitshefte 1997 Schinks Aufnahmen. Die Behörde stellte sie für die Ausstellung großzügig zur Verfügung.

Bleiben die Schülerarbeiten als Zeitebene 3. Mit der Initiative „NETZWERK 100.20“ ging man der Frage nach, was das Bauhaus einer Berufsbildende Schule auch noch nach 100 Jahren an Anstößen bieten kann. Entstanden sind dabei zum Beispiel großformatige Farbarbeiten, bei denen Modelle von Metallskulpturen die Grundlage bildeten. Schüler der Fachoberschule Gestaltung entwickelten Farbkompositionen mit Transparenzen, deren Idee sich auf den Bauhauslehrer Josef Albers beziehen. Im Projekt Lichtskulpturen bestrahlten unterschiedlich farbige Lichtquellen eine Metallskulptur. Die in dieser „Lichtbox“ entstandene Bildsprache wurde in Fotos festgehalten und ist jetzt in der Ausstellung zu sehen. Zudem erstellten Auszubildende zum Mediengestalter eine Postkartenserie mit Motiven zum Neuen Bauen, die sie in Erfurt entdeckten. Diese Arbeiten korrespondieren auf ganz eigene Weise mit den Fotografien von Hans-Christian Schink.

Die Ausstellungen sind außer an Feiertagen bis zum 15. Februar 2020 Montag bis Freitag 12.00 bis 17.00 Uhr und samstags 11.00 bis 15.00 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. 

www.dacheroeden.de


Der doppelte Erich. Erich Ohser illustriert Erich Kästner

Zun sehen bis 2. Februar 2020 im Sommerpalais Greiz
Erick Kästner Illustration Erich Ohser Sommerpalais Greiz

Erich Ohser und Erich Kästner begegneten sich zum ersten Mal in Leipzig. Von Anfang an einen sie ihr Lebenshunger und ihre Menschenneugier, ihr Ehrgeiz und ihre skeptische Spottlust. Durch freche und kritische Beiträge in Leipziger und Plauener Zeitungen machten sie sich bald einen Namen. Als Kästner 1928 seinen ersten Gedichtband „Herz auf Taille“ veröffentlichte, sind die Illustrationen von  Ohser gezeichnet. Der Lyrikband machte Autor und Illustrator schlagartig bekannt. Zwei weitere illustrierte Gedichtbände folgten. Alle Zeichnungen Erich Ohsers aus den drei Lyrikbänden Erich Kästners werden in der Ausstellung gezeigt. Der Zeichner Erich Ohser, 1903 geboren und in Plauen aufgewachsen, wurde vor allem mit seiner Serie „Vater und Sohn“ bekannt, die er unter dem Pseudonym e. o. plauen schuf. Er studierte an der Staatlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe Leipzig und arbeitete danach als Illustrator. Die Ausstellung ist eine Leihgabe der Erich Ohser-e.o.plauen Stiftung und wurde mit Originalen der zwanziger und dreißiger Jahre aus dem Depot der Sammlung im Sommerpalais ergänzt. 

Öffnungszeiten: 10 – 16 Uhr, montags geschlossen.


Diethard Peterson - eine Rückkehr

GoetheStadtMuseum Ilmenau zeigt bis 16. Februar 2020 Sonderausstellung „Diethard Peterson – Zeitgenössische Malerei“
Diethard Peterson Ilmenau Ausstellung

Nach 40 Jahren kehrt der Maler und Grafiker Diethard Peterson in seine Geburtsstadt Ilmenau zurück. Das GoetheStadtMuseum Ilmenau widmet dem Künstler eine Sonderausstellung. Gezeigt werden neben aktuellen Ölbildern, Zeichnungen und Skulpturen auch Arbeiten aus den letzten drei Jahrzehnten.

Der 1954 in Ilmenau geborene Diethard Peterson zeigte von Jugend an ein starkes Interesse für Malerei und Grafik. In den 70er Jahren war er als Plakatmaler und Dekorateur in Ilmenau tätig. Sein Wunsch, Kunst in Leipzig zu studieren, blieb jedoch unerfüllt. Er hatte die Mitgliedschaft in der staatlichen Jugendorganisation FDJ verweigert. Als gelernter Elektriker übersiedelte er 1979 nach Halle/Saale und arbeitete dort als Bühnen­techniker. Nach der Wende beteiligte er sich mit anderen Künstlern an einer legendären Szenekneipe in der Saalestadt. Seit 2000 widmet er sich nun ganz der bildenden Kunst. Peterson blieb seiner künstlerischen Leidenschaft immer treu. In seinem Frühwerk findet sich noch ein starker Realitätsbezug. Insbesondere Landschaften, Portraits und große Tuschezeichnungen bestimmen seine frühen Arbeiten. Dies ändert sich in den 90er Jahren. Nun finden sich Parallelen zur klassischen Moderne, insbesondere zum Expressionismus. Seit den 2000er Jahren verstärkt sich der Abstraktionsgrad der Bilder zunehmend. Dies ist auch Ergebnis eines Augenleidens. Zeitweise war Peterson extrem kurzsichtig.

Der Künstler entwickelte als Autodidakt einen sehr eigenen Mal- und Zeichen-Stil. Vergleiche mit anderen Malern treffen nie wirklich zu. Insbesondere knallige Farben und starke Kontraste sind charakteristisch für seine Ölgemälde. Als Malgrund dienen Leinwand, Sperrholz, Sandsäcke oder auch Blech. Die Bandbreite der Materialien ist genauso groß wie die Bandbreite der Motive. So finden sich in erster Linie Menschen in seinen Bildern. Portraits mit meist harten Gesichtern und sehr oft der weibliche Kör-per. Aber auch Landschaften, Architektur und Motive aus der klassischen Literatur tauchen immer wieder auf. Aktuelle Themen fließen ebenso in sein Werk ein. Diethard Peterson bildet seine direkte Umgebung ab. Seine Gemälde und Zeichnungen sind Spiegelbilder unserer Zeit. Alles wird aus der Erinnerung gemalt. Nie malt er ab. Sein Inneres spiegelt sich in seinem Werk und gibt diesem damit seinen unvergleichlichen Charakter.

Nach vielen Ausstellungen im gesamten Gebiet der Bundesrepublik wird nun erstmalig ein Teil des Werkes Diethard Petersons in Ilmenau zu sehen sein. 40 Jahre sind darüber vergangen. Doch nun ist die Zeit reif für eine Rückkehr des Künstlers.


Zum Gedenken an großartige Zeichner

Sommerpalais Greiz erinnert mit Sonderausstellung an die Karikaturisten Lothar Otto, Achim Jordan und Andreas Brüssel / Zu sehen bis 2. Februar 2020

Drei bedeutende Karikaturisten, die dem Greizer Satiricum eng verbunden waren, verstarben im August 2019. Das Sommerpalais Greiz widmet dem jahrzehntelangen Wirken dieser Künstler vom 12. Oktober 2019 bis 2. Februar 2020 eine Gedenkausstellung. Lothar Otto, (*1932 in Chemnitz) absolvierte von  1952 bis 1957 ein Grafikstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit 1960 war er freiberuflich als Illustrator, Graphiker, Cartoonist, Autor und Gestalter von Kinderbüchern und beim Trickfilm tätig. Zahlreich sind seine Veröffentlichungen im In-und Ausland, ebenso seine Ausstellungsbeteiligungen. Achim Jordan, (*1937 in Magdeburg) arbeitete nach seinem Grafik-Studium an der Fachhochschule für angewandte Kunst Leipzig von 1960 bis 1990 als Pressezeichner, Karikaturist und Sektorenleiter Gestaltung der Leipziger Volkszeitung. Ab 1990 war er freiberuflicher Grafiker und Karikaturist. Er war bei vielen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten. Andreas Prüstel (*1951 in Leipzig) arbeitete ab 1985 freiberuflich als Cartoonist/Collagist und Herausgeber in Berlin. Seine erste Presse-Veröffentlichung gab es 1990 im Eulenspiegel, später folgten Veröffentlichungen im In- und Ausland.

Öffnungszeiten: 10 – 16 Uhr, montags geschlossen


Haeckels Wasserwesen

Ausstellung „10 Tons – Medusen – Ernst Haeckel“ im Phyletischen Museum der Universität Jena
Phyletisches Museum Jena

Jena (US/FSU) Anlässlich des 100. Todestages von Ernst Haeckel präsentiert das Phyletische Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena die Ausstellung „10 Tons – Medusen – Ernst Haeckel“. Bis Ende 2020 werden über 200 lebensechte Medusen-Modelle, Original-Präparate, Fotos, Videos und Zeichnungen von Ernst Haeckel, dem Begründer des Museums, im „Medusensaal“ zu sehen sein.

Im Meeresaquarium mit 200 Ohrenquallen

Abtauchen in eine faszinierende Unterwasserwelt, das können die Besucher des Phyletischen Museums der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der Sonderausstellung, die der wohl liebsten Tiergruppe von Ernst Haeckel gewidmet ist: den Medusen – oder auch Quallen. Zu sehen ist unter anderem eine einem Meeresaquarium nachempfundene Vitrine mit rund 200 Ohrenquallen. Allerdings handelt es sich bei diesen nicht um lebende oder präparierte Tiere, sondern um lebensechte Modelle aus Kunstharz. Die dänische Firma „10 Tons“ ist auf naturgetreue zoologische und botanische Modelle sowie paläontologische Rekonstruktionen spezialisiert und hat die Modelle in Kooperation mit Wissenschaftlern des Phyletischen Museums eigens für diese Ausstellung produziert. Neben dem Ohrenquallenschwarm zeigt die Ausstellung weitere Medusen-Modelle und stellt diese über 100 Jahre alten Glasobjekten der berühmten Glaskünstler Leopold und Rudolf Blaschka gegenüber. Außerdem werden Fotografien und Videos des Meeresbiologen Alexander Semenov zu sehen sein sowie bisher kaum gezeigte Objekte aus der eigenen Sammlung des Phyletischen Museums. „Wir wollen zeigen, was Ernst Haeckel so sehr an den Medusen fasziniert und wie er mit ihnen gearbeitet hat“, erläutert Museumsdirektor Prof. Dr. Dr. h. c. Martin S. Fischer. Auch die Rolle von Medusen in Ökosystemen werde beleuchtet.

Haeckels künstlerische Auseinandersetzung mit den Medusen

Im Fokus stehe aber nicht nur Haeckels wissenschaftliche Arbeit, sondern auch seine künstlerische Auseinandersetzung mit den Medusen, kündigt Fischer an. So präsentiert die Ausstellung unter anderem ein überlebensgroßes Modell der berühmten Desmonema annasethe. Diese von Haeckel selbst entdeckte und beschriebene Scheibenqualle hat er in seinen „Kunstformen der Natur“ äußerst prachtvoll und vielfarbig dargestellt. Die nach seiner früh verstorbenen ersten Frau benannte Qualle ist inzwischen millionenfach reproduziert und prangt auf Postern und Büchern, ebenso auf Alltagsgegenständen wie Tassen, T-Shirts oder Tapeten. Gezeigt wird das Haeckels Darstellung nachempfundene Modell im direkten Vergleich zum originalen Typusexemplar, das mit dem Haeckelschen Kunstwerk allerdings nur wenig gemein hat. Und nicht zuletzt wird auch der Ausstellungsraum als Teil der Ausstellung zur Geltung kommen: Denn Haeckel selbst hat bei der Errichtung des Museums die Decke des Raumes mit zehn großformatigen Medusen dekorieren lassen. Einige der stark idealisierten ornamenthaften Exemplare finden sich auch als Modell oder Originalpräparat in einer der Vitrinen wieder. Auf diese Weise vermittelt die Ausstellung „10 Tons – Medusen – Ernst Haeckel“ nicht nur Einblick in die faszinierende Unterwasserwelt der Medusen, sondern auch in das Werk Haeckels, in dem sich visionäre Wissenschaft und Kunst auf einzigartige Weise verbinden.

Zu sehen bis 1. November 2020 Phyletisches Museum der Universität Jena, Vor dem Neutor 1, 07743 Jena, Öffnungszeiten: Di bis Fr von 9 bis 13 und 14 bis 17 Uhr; Sa und So von 10 bis 16 Uhr 

Foto: Präparator Bernhard Bock bereitet die Nachbildung einer Fahnenqualle für die Sonderausstellung „10 Tons – Medusen – Ernst Haeckel" vor. (Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)

www.phyletisches-museum.de/ausstellung-sonderausstellungen.html